Geschichten über die Liebe gibt es viele, und am Ende dreht sich immer alles ums Zusammenkommen und ums Zusammenleben und ums Auseinandergehen. Es gibt davon jede denkbare Variation und bei Daniel Glattauer war es 2006 eine ziemlich raffiniert konstruierte Variante des klassischen Briefromans in Form einer E-Mail-Konversation. "Gut gegen Nordwind" wurde ein Bestseller über die Online-Liebe, bevor das Internet zum Standard für die Anbahnung aller Liebesbeziehungen wurde.

Schon vor zehn Jahren gab es eine Theaterinszenierung von Michael Kreihsl, die sich bemühte, aus dem Schriftwechsel eine innovative, weil auch räumlich begrenzte Dramaturgie auf eine Bühne zu bringen, was damals überraschend gut gelang. Jetzt gibt es die erste Verfilmung des Glattauer-Romans, aber die Begrenztheit einer Theaterbühne kann man im Kino nicht umsetzen, vor allem dann nicht, wenn die Verfilmung ein möglichst großes Publikum anstrebt und daher weder die Romantik noch die Leidenschaft zu kurz kommen sollen.

Mit dem Tippfehler zur Liebe

Alles beginnt mit einem Tippfehler: Bloß ein Buchstabe falsch gesetzt, und schon landet die E-Mail von Emma Rothner (Nora Tschirner) bei dem Linguisten Leo Leike (Alexander Fehling), anstatt beim eigentlichen Empfänger. Leo klärt das Missverständnis auf, und daraus entwickelt sich recht rasch ein umfassender Mail-Verkehr zwischen den beiden einander persönlich Unbekannten. Die Mails werden lustiger, immer persönlicher, und bald vertrauen sich Leo und Emma auch intimste Details aus ihrem Privatleben an. Ihre digitale Freundschaft lässt dies zu, solange sie sich nicht persönlich kennenlernen, davon sind sie jedenfalls überzeugt. Jedoch tun sich hier auch schon ein paar amouröse Gefühle auf, die man besonders dann realisiert, wenn es wieder einmal piepst in der Mailbox und die beiden es gar nicht erwarten können, vom jeweils anderen etwas Neues zu lesen. Ein gemeinsames Treffen wird dennoch eher schwierig, zumal Emma mit Bernhard (Ulrich Thjomsen) verheiratet ist und auch Leo nicht von seiner Ex-Freundin Marlene (Claudia Eisinger) loskommt.

Regisseurin Vanessa Jopp hat Komödienerfahrung ("Der fast perfekte Mann") und weiß daher um den richtigen Zeitpunkt in einer Dramaturgie; auch weiß sie, dass Filme wie "Gut gegen Nordwind" mit ihrer Besetzung stehen oder fallen können, weshalb sie in ihrer Version mit Nora Tschirner und Alexander Fehling auf Nummer sicher geht. Fehling ist als Feschak mit emotionalem Tiefgang einer der beliebtesten deutschen Akteure, und der Tschirner glaubt man sowieso jede "Ich-bin-heute-so-kuschelig"-Gefühlswallung.

Zärtliche Wortlast

Nicht unbeteiligt daran, dass die Chemie zwischen den beiden grundsätzlich gut funktioniert, ist auch der Umstand, dass Fehling und Tschirner jahrelang selbst ein Paar gewesen sind. Das bringt unbewusst wohl ein bisschen Zärtlichkeit in die wortlastige Drehbuchvorlage.

Womit man beim eigentlichen Kern des Problems angelangt wäre und womit auch schon die Theaterfassung zu kämpfen hatte: Ein Roman, der ausschließlich als E-Mail-Konversation verfasst ist, bringt es mit sich, dass es hier um die Verschriftlichung von Gefühlen geht, und das ist eigentlich kein sehr filmischer Vorgang. Weshalb die Regisseurin manchmal fast krampfhaft versucht, Bilder zu finden, die die Off-Kommentare aus vorgetragenen E-Mails und die abgefilmten Bildschirme möglichst gut aufpeppen. Sie schickt ihre beiden Protagonisten folglich raus in ihre Umwelt, wo sie - dem Smartphone sei Dank - ihre E-Mails auch lesen und beantworten können.

Das war 2006, als "Gut gegen Nordwind" erschien, nur begrenzt möglich, und so wird aus dem außergewöhnlichen E-Mail-Roman, der sich eher wie ein sich aufschaukelndes Kammerspiel liest, eine ziemlich weichgespülte Romanze, in der zwar die Figuren gefallen, aber das Besondere der Vorlage fehlt. Oder anders gesagt: Dem Film fehlt der Esprit des Buches, und auch, wenn Jopp hier großen Wert auf die Auswahl der Textstellen und Dialoge legt, bleiben sie am Ende plakativ und einsilbig, so wie es eine Filmdramaturgie eben erfordert. Buch und Film gehen hier nicht gut zusammen, eine solide und mit Herz erzählte Filmromanze geht sich aber dennoch aus.

Matthias Greuling