Der Weltraum. Unendliche Weiten. Solche, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Diese Weiten tragen wir allerdings auch in uns selbst, wie James Gray in seinem Sci-Fi-Drama "Ad Astra" mit einer oscarreifen Performance von Brad Pitt zeigt: Der spielt darin nämlich den Raumfahrer Roy McBride, der nicht nur in den Tiefen des Alls nach Leben forscht, sondern auch in den Tiefen seiner Psyche nach einer Reparatur für das sucht, woran er seit Jahrzehnten laboriert: Der Verlust des Vaters, einer Raumfahrtlegende, gespielt von Tommy Lee Jones, nagt an seinem Seelenleben, und die Allegorie von den Weiten des Alls, wie sie sich auch in den Weiten des eigenen Ichs spiegeln, das ist schon sehr schön konstruiert, um daraus einen manchmal wilden, meistens aber eher philosophischen Film über diese Raumfahrt ins Ich zu drehen. Man fühlt sich unweigerlich an "First Man" erinnert, in dem Ryan Gosling als erster Mensch zum Mond fliegt; auch dieser Film hatte eine mäandernde, philosophische Seite.

"Ad Astra" aber ist im Gegensatz dazu reine Science Fiction: Der verschollene geglaubte Raumfahrtpionier McBride Senior war vor 20 Jahren zum Neptun aufgebrochen und nicht mehr zurückgekehrt. Nun möchte Roy herausfinden, was passiert ist - doch die Mission wird mehr und mehr zur Katastrophe. Nach einem Zwischenstopp am Mars macht Roy die Entdeckung, dass die Legende, die der Vater ausfüllt, nicht ganz so lupenrein ist wie angenommen. Im Gegenteil: Der Antrieb, in der Ferne und Fremde des Alls außerirdisches Leben zu entdecken, ließ ihn über Leichen gehen und illustriert die psychologischen Auswirkungen der Raumfahrt auf die Einsamkeit der Raumfahrer, die auch Roy auf seiner Reise bald zu spüren bekommt. Regisseur Gray lässt den Zuschauer dabei stets an McBrides Gedankenwelt teilhaben, indem er dessen Grübeleien als Off-Kommentar über den Film legt. Eine einfache, vielleicht nicht sonderlich raffinierte Lösung, um das Innenleben seines Protagonisten zu erklären, aber immerhin sehr effektiv.

Reduzierte Gesten

Dabei hilft ihm auch ein grandios aufspielender Brad Pitt, der - man kann es nicht anders sagen - scheinbar gar nicht spielt. Pitt, für den es nach seiner coolen Wiederauferstehung in Tarantinos "Once Upon A Time in Hollywood" keine Entsprechung mehr gibt, ist mit 56 wieder am Zenit seiner Popularität. In "Ad Astra" liefert er Zeugnis davon ab, wie mühelos reduziert er Gesten setzen kann.

Das Reduzierte, es ist das wichtigste Stilmittel dieses Films: Selbst bei den genreimmanenten Elementen der Geschichte, den rasanten Actionszenen und den Weltraum-Schaueffekten lässt Gray eine filigrane Dosierung walten, nichts wirkt zu fahrig oder gar hektisch, es gibt keine Rasanz, nur um damit mehr Tschinnbumm-Fans ins Kino zu locken. "Ad Astra" gibt sich als überlegener, nachdenklicher Film über Depressionen und über die unendliche Weite, die vor einem liegt.

Und obwohl all das stimmig wirkt, ist "Ad Astra" dennoch kein Autorenkino, denn zu vieles hier genügt den Konventionen, zu viele Fährten werden gelegt und aufgelöst, und trotz der Bemühungen um visuelle, stilistische Einzigartigkeit ist dieses Raumfahrerdrama am Ende doch das Resultat eines Trends (was Autorenfilme nicht sein sollten): Eine Reflexion über die Grenzen der Menschheit und weshalb wir sie scheinbar selbst nicht zu erkennen imstande sind.