Am Anfang war der Schrei. Ein Schrei nach Liebe. "Mama!", ruft die neunjährige Benni (Helena Zengel) und wartet auf eine Antwort. Das tut sie schon ihr kurzes Leben lang. Aber es kommt keine Antwort. Ihre Mutter Bianca (Lisa Hagmeister) ist völlig überfordert mit der Mutterrolle und hat Angst vor ihrer Tochter; eine Angst, die sich aus dem rüden Verhalten des Kindes ergibt. Oder entstand das Verhalten, weil Bianca Benni keine Mutter war?

Die Frage nach der Ursache ist in "Systemsprenger" eher zweitrangig. Im Vordergrund steht der Leidensweg eines Kindes und seines Umfeldes, gequält von ewigen Wutausbrüchen, von Geschrei, Gekreische, Gefühlsausbrüchen, Geheule, Gewalt. Benni nennt man einen Systemsprenger, das sind Kinder, die sich in keine Form pressen lassen wollen, die alle Verhaltensnormen sprengen, die keine Regeln akzeptieren außer die eigenen, die völlig unberechenbar sind.

Benni wird von der Mutter abgegeben, sie wird vom Jugendamt von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht und dann von einem Kinderheim zum anderen. Nirgends mag man sie behalten, weil sie schon nach kürzester Zeit "auszuckt", mit roher Gewalt die anderen Kinder in den Einrichtungen blutig prügelt. Was tun?

Die Wut im Griff

Nachdem Benni nahezu jedes Programm, das das System für Kinder wie sie bietet, durchlaufen hat, ist der Anti-Aggressionstrainer Micha (Albrecht Schuch) die letzte Hoffnung, auf die sich die Ämter und auch die Mutter stützen; Micha, eigentlich ein Betreuer, der nur mit straffälligen Jugendlichen arbeitet, fährt mit Benni weg aus ihrem Alltag, rein in die Natur, gleich für drei Wochen lang. Bald schon wird sich zeigen, ob er Bennis Wut in den Griff bekommen kann. Und bald wird sich auch zeigen, ob das Mädchen mit dem goldenen Engelshaar die Sehnsucht nach der Mutter überwinden kann.

Regisseurin Nora Fingscheidt hat für "Systemsprenger" bei der Berlinale einen Silbernen Bären gewonnen, zugleich schickt Deutschland den Film heuer ins Rennen um den "Auslandsoscar", wo normalerweise Filme über Nazi-Schergen eingereicht werden. Aber man glaubt - völlig zu Recht - an die Kraft dieses kleinen Films. Mit seiner großen Nähe zur Protagonistin Benni und der emotionalen Wucht, die diese Nähe und das unglaublich akzentuierte und ergreifende Spiel der erst neunjährigen Helena Zengel erzeugen, ist der Film für den Zuschauer eine emotionale Achterbahnfahrt. Über die soziale Tristesse, die den Hintergrund für diese Geschichte darstellt, wird hier weder besserwisserisch doziert, noch dient sie als Ausrede für das Verhalten der jungen Protagonistin. Sie bleibt einfach im Hintergrund und lässt dem Drama dieses Kindes die volle Bühne. Man lernt diese abstoßende Welt, durch die Benni sich quält, aus ihrem Blickwinkel kennen und bekommt von Fingscheidt niemals auch nur eine Sekunde Pause, so rastlos bewegt sie sich mit Benni durch diesen bemerkenswerten Film. Dabei gelingt Fingscheidt das Kunststück, ihre Bilder nüchtern zu halten und sie gleichzeitig mit viel Emotion aufzuladen; diese Ambivalenz verhindert, dass aus "Systemsprenger" ein rührendes TV-Movie wird, sondern ermöglicht, dass die kleine mitreißende Geschichte von Benni ganz großes Kino bietet.