Kino kann richtig grausam sein. Vor allem, wenn man gezwungen wird hinzuschauen, um Untertitel zu lesen, während man eigentlich lieber den Stoff des Sessels vor einem anstarren möchte. Manche Bilder sind einfach zu brutal. Trotzdem: Ein Wegschauen lässt Regisseur Karl Markovics nicht zu.

Dabei beginnt "Nobadi" doch harmlos. Zwei Welten prallen hier aufeinander, als der Pensionist Heinrich Senft (Heinrich Trixner) auf den illegalen Flüchtling aus Afghanistan Adib Ghubar (Borhanulddin Hassan Zadeh) trifft. Senfts Hund war die Nacht zuvor gestorben und der 90-Jährige scheitert am Ausgraben einer Grube für den Gefährten in seinem Schrebergarten im 15. Wiener Gemeindebezirk. Adib Ghubar drängt sich richtiggehend auf, "Was kostest du?", ist die menschenverachtende Antwort des Pensionisten auf Adibs verzweifelte Suche nach Arbeit. Auf mickrige drei Euro steigt Adib ein, die Machtverhältnisse für Senft sind somit geklärt. Seine Pistole legt er sicherheitshalber griffbereit.

Ein misstrauischer Misanthrop

Zunächst scheint Senft nichts als ein alter, misstrauischer Misanthrop zu sein. Als er nächtens Adib mit hohem Fieber aufgrund einer alten Wunde am Fuß auf einer Parkbank findet, beschließt er ihm zu helfen, denn er war seinerzeit Sanitäter in einem Lager - seine Blutgruppe trägt er als SS-Tätowierung am Arm. Auch Adib war in einem Lager stationiert und ist tätowiert: "Nobadi" (von nobody - deutsch: niemand) war sein Spitzname im Nato-Militärlager in Afghanistan, wo er als Dolmetscher in der Schreibstube arbeitete. Senft erzählt ihm später, dass sich auch Odysseus bei Polyphem als "Niemand" ausgab.

Wegen der fehlenden Papiere bringt Senft den Verletzten statt ins Spital zu einer Tierärztin, die sich aber weigert, zu helfen. Emotionslos erdrosselt Senft sie und rafft alle vorhandenen Medikamente an sich. Als diese aber nicht helfen, der Fuß bereits schwarz und abgestorben ist, weiß der einstige Sanitäter dank alter Medizinbücher nur noch einen Rat: Er muss das Bein amputieren. Immerhin hat er dies im Lager mehrfach gesehen . . .

"Nobadi" ist nach "Atmen" und "Superwelt" die dritte Regiearbeit von Karl Markovics in der er auch das Drehbuch verfasste. Es ist ein auf zwei Personen reduzierter Film, in dem Markovics zwei gesellschaftspolitische Themen unter einem gemeinsamen Nenner vermengt: Schuld - einerseits jene der verdrängten Nazivergangenheit, andererseits jene der westlichen Welt im Umgang mit Geflüchteten.

Eingebettet ist diese Thematik in lange und ruhige Einstellungen mit authentischer Szenerie. In dem immer skurriler werdenden Plot glaubt man, manchmal den erhobenen Zeigefinger Markovics erkennen zu können, was letztlich zum Beigeschmack eines Lehrstücks führt.