Mit "Parasite" (derzeit im Kino) gelang dem Südkoreaner Bong Joon-ho heuer die Sensation in Cannes: Sein Film gewann die Goldene Palme und holte sie erstmals nach Südkorea. Bong Joon-ho, der bereits mit Filmen wie "Mother" (2009) oder "Okja" (2017), einer Netflix-Produktion, für Furore sorgte, konnte mit "Parasite" aber nicht nur künstlerisch reüssieren, sondern auch an der Kinokasse: Die Südkoreaner stürmten die Kinos förmlich.

Dabei ist "Parasite" gar kein Film, der großes Publikumsinteresse vermuten ließe. Er beginnt eigentlich als Sozialdrama: Eine vierköpfige Familie - Vater, Mutter und zwei erwachsene Kinder, die unterm Dach der Eltern leben - kämpft ums Überleben. In der Souterrain-Wohnung gibt es Kakerlaken, und das Geld reicht kaum fürs Essen. Als der Sohn die Chance bekommt, der Tochter einer reichen Familie Englisch-Nachhilfe zu geben, wendet sich das Blatt. Schritt für Schritt gelingt es ihm, seine Schwester bei der Familie unterzubringen - als Kunsttherapeutin. Später folgen auch Vater (als Fahrer) und Mutter (als Haushälterin) - doch das alles unter Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Bong Joon-ho hat heuer die Goldene Palme gewonnen. - © Sartena
Bong Joon-ho hat heuer die Goldene Palme gewonnen. - © Sartena

"Wiener Zeitung": Ihr Film ist eine wilde Mischung aus Komik und Tragik.

Bong Joon-ho: Meine Frau sagt, dass ich eine ziemlich verrückte Persönlichkeit habe und deshalb diese Art von Filme mache (lacht). Für mich wäre eine zweistündige Komödie oder eine zweistündige Tragödie nur sehr schwer zu ertragen, weil so ist das Leben einfach nicht. Im Leben mischen sich Komik und Tragik fortwährend, es gibt sogar Humor in den schrecklichsten Situationen des Lebens. Und deshalb drücke ich dieses Nebeneinander von Komik und Tragik auch gerne in meinen Filmen aus. Zugleich ist es mir aber auch wichtig, dass jeder meiner Filme völlig anders als die anderen ist; ich will mich ungern wiederholen und deshalb verwende ich sehr viel Energie darauf, ein völlig anderes filmisches Konzept auf meinen nächsten Film anzuwenden, als es bei "Parasite" der Fall war. Es wird jedenfalls um meine Obsession mit Treppen und Kellern gehen.

Dieser Gegensatz zwischen Arm und Reich, den Sie herausarbeiten, wird in der realen Welt selten so klar. Wieso ist das so?

Wohl, weil es weniger Schnittflächen gibt. Im realen Leben begegnen sich Reiche und Arme nur sehr selten direkt. Sie besuchen unterschiedliche Restaurants und leben in verschiedenen Vierteln. Diese Art der Segregation ist einfach da, ohne dass man viel darüber redet. Niemand hat bewusst diese Mauer errichtet, dennoch gibt es sie. Mein Film behandelt Momente, in denen sich Reiche und Arme so nah kommen, dass sie sich riechen können. Unvermeidlich entstehen daraus Spannungen, Ängste, aber auch Komik. Vor allem die Reichen wollen nicht, dass die Armen in ihr Territorium eindringen. Was ich zeigen will, ist, dass diese Mauer, an die die Menschen glauben und an die sie sich anzulehnen versuchen, in Wirklichkeit sehr brüchig ist. Beginnt sie einzustürzen, kann es unerwartet zu großen Tragödien kommen.