Es ist eine wahre Geschichte, die der französische Regisseur François Ozon in seinem neuen Film "Gelobt sei Gott" (derzeit im Kino) aufgegriffen hat - und noch dazu eine überaus brisante, die die katholische Kirche in Frankreich aufgerüttelt hat und deren Nachbeben noch längst nicht vorüber sind. 30 Jahre lang hat Alexandre (Melvil Poupaud) geschwiegen über das, was ihm als junger Pfadfinder widerfuhr: In Lyon wurde der Knabe von Priester Bernard Preynat mehrfach sexuell belästigt und missbraucht.

Aber er war nicht der Einzige: Immer mehr Missbrauchsopfer gehen an die Öffentlichkeit, zumal Preynat da noch weiterhin im Amt war und auch mit Kindern arbeitete. Der zuständige Kardinal Philippe Barbarin, der Erzbischof von Lyon, verurteilte zwar die pädophilen Übergriffe, zog aber keine Konsequenzen. Man wollte auf die Verjährung der Fälle hoffen. Zwar wurde Preynat inzwischen mit der kirchlichen Höchststrafe belegt und verlor seine Priesterwürde, und auch Barbarin wurde wegen Vertuschung verurteilt, legte allerdings Berufung ein. Der Fall ist also noch nicht bei den Akten.

Regisseur François Ozon bei der Berlin-Premiere. - © K. Sartena
Regisseur François Ozon bei der Berlin-Premiere. - © K. Sartena

"Wiener Zeitung": Monsieur Ozon, was war die Ausgangsposition für diesen Film?

François Ozon: Es war zunächst nicht mein Ziel, einen Film über einen aktuellen Fall zu drehen. Zuallererst war mir wichtig, die Geschichte der Opfer zu erzählen. Aber als ich all diese Geschichten kennenlernte, begriff ich, wie groß die politische Dimension dahinter wirklich war. Zuerst sollte es ein kleiner Film rund um das Schicksal meiner Hauptfigur Alexandre werden, doch dann wurde es Schritt für Schritt ein Ensemble-Stück. Und es ging mir dabei um eine sehr grundsätzliche Überlegung: Sexualität, die nicht auf gegenseitiger Übereinkunft beruht, ist ein Verbrechen. Das ist mir sehr wichtig. Zugleich wollte ich den eigentlichen Akt des Missbrauchs keinesfalls zeigen. In den Rückblenden im Film zeige ich dann aber sehr wohl die Situationen, die dafür prädestiniert sind, dass es zu solchen Missbrauchsfällen kommt.

Solche Situationen sind für Menschen, die sie nie erlebt haben, oft schwer nachzuvollziehen.

Das stimmt. Viele Erwachsene verstehen nicht, wieso Kinder sich nicht wehren oder sich weigern, wenn sie missbraucht werden. Ich wollte in meinem Film diesen Mechanismus aufschlüsseln, der die Kinder so hilflos macht: Vor allem dann, wenn die Handlungen von jemandem durchgeführt werden, dem man gemeinhin vertrauen kann. Also einem bekannten Erwachsenen, einem Verwandten oder einem Priester. Viele dieser Kinder verfallen in eine regelrechte Schockstarre, anstatt wegzulaufen.