Es war eine gewisse Vehemenz zu spüren, als sich Martin Scorsese Mitte Oktober am Rande des London Film Festivals über seinen Auftraggeber Netflix geäußert hat. Dessen Taktik, hochkarätige Filmproduktionen zu finanzieren, sie aber nur in einem sehr kurzen Zeitraum ins Kino und dann gleich danach auf die eigene Streamingplattform zu stellen, erregt unter den Verfechtern einer funktionierenden Kinolandschaft großen Unmut: Das Kino würde auf diese Weise ausgetrocknet werden, meinen Kritiker, Netflix agiere mit den Mini-Kinostarts nur scheinheilig, weil man sich dadurch die Chance eröffnet, für Filmpreise wie den Oscar nominiert zu werden. Dieser richtet sich nämlich ausschließlich an Filme, die im Kino gelaufen sind. "The Irishman" wird ab Freitag für gut eine Woche in ausgewählten Kinos in Österreich zu sehen sein, ehe er ab 27. November auf Netflix läuft.

"Es gibt keinen Zweifel, dass die gemeinsame Filmerfahrung in einem Kino mit einem Publikum sehr wichtig ist", sagte Scorsese in London. "Andererseits war Netflix in meinem Fall die Lösung für das Problem: Wir wollten diesen Film machen, unbedingt, aber traditionelle Studios gaben uns einen Korb, und Netflix sagte zu uns: Ihr könnt den Film machen, so wie ihr ihn wollt, es gibt keinerlei Intervention unsererseits, und es gibt einen Kinostart, wenn auch nur in kleinem Rahmen. Mir war dieser Deal lieber, als den Film gar nicht machen zu können."

Regisseur Scorsese. - © afp/V. Macon
Regisseur Scorsese. - © afp/V. Macon

Scorsese hat einen wichtigen Punkt angesprochen: Ohne die Streaming-Giganten wie Netflix oder Amazon Prime gäbe es Filme wie seinen neuen "The Irishman" gar nicht. Auch die letzten Filme von Jim Jarmusch oder Woody Allen nicht. Und die Liste prominenter Regisseure, die für Netflix drehen, ist inzwischen lang. Sehr lang. Inzwischen drängen auch Disney und Apple mit eigenen Streamingdiensten nach, was die Lage noch zuspitzen dürfte.

Heiß auf die Oscars

Im Vorjahr war Netflix der Coup gelungen, mit Alfonso Cuarons "ROMA" dank Kurzkinostart etliche Oscarnominierungen zu erhalten, die schließlich in den wichtigsten Kategorien auch in Oscars verwandelt wurden, darunter der Oscar für den besten Film. Regie-Titan Steven Spielberg gefällt das gar nicht, er macht in der Oscar-Academy schon lange Druck, die Netflix-Produktionen gar nicht erst zur Auswahl zuzulassen. Denn schließlich wäre all das kein Kino, sondern Fernsehen.

Es ist ein großer Umbruch im Gange, in der Weise, wie Filme heute gesehen werden. Jetzt ist mit Scorsese ein weiterer Veteran des US-Kinos zum Streaming-Feind "übergelaufen", denn "The Irishman" ist seine erste Produktion für Netflix. Und wahrscheinlich auch nicht seine letzte.