Sogar der Anti-Superheld Deadpool hat sich mit ihr befasst. Der Haudrauf drischt in seinem zweiten Filmauftritt nicht nur schräge Sprüchen und auf seine Gegner ein, er sinniert auch über Disneys Eiskönigin. Deadpool ortet nämlich eine "verdächtige Ähnlichkeit" zwischen dem Eiskönigin-Hit "Do You Want To Build A Snowman" und dem berüchtigten Barbra-Streisand-Song "Papa, Can You Hear Me?". Das sorgte nicht nur für Gelächter in den Kinos - es entzündete auch eine halbinformierte Debatte im Internet. Die Grundlage dafür war allerdings dürftig. Genau betrachtet, beschränkt sich die Ähnlichkeit nämlich darauf, dass beide Lieder eine Frage im Titel haben - und dass die zugehörige Melodie mit einer großen Sekund aufwärts endet ("snow-man", "hear me"). Wer da ein Plagiat ortet, könnte ebenso gut zwei Männer für Brüder halten, nur weil beide eine Brille tragen.

Powerballaden mit Biss

Singfreudig im Zauberwald: Elsa und Kristoff. - © Disney
Singfreudig im Zauberwald: Elsa und Kristoff. - © Disney

Die Erwähnung in "Deadpool 2" bringt aber etwas anderes auf den Punkt: den Ausnahmerang des Soundtracks der "Eiskönigin". Diese Lieder wandten sich an die Zielgruppe Kinder-Prinzessin und drangen doch bis zu den groben Lackeln durch. Das liegt nicht nur daran, dass auch harte Kerle zuweilen zarte Töchter haben. Es hat auch mit der Griffigkeit dieser Musik zu tun: Songs wie der "Snowman", "Love Is An Open Door" oder der Überhit "Let It Go" haben im Jahr 2013 bewiesen, dass die Melodienschmiede von Disney ihr Handwerk noch heute so gut versteht wie zu Mary Poppins’ Zeiten. Stimmt zwar, sie servieren heute ein paar Löffelchen voll Zucker mehr und auch gern ein tüchtiges Plus an Rumms: In dramatischen Szenen stehen die Zeichen auf Orchesterpomp und Musicalbombast. Das Um und Auf ist aber weiterhin der Ohrwurm im Liedzentrum: Er bohrt sich ins Hörer-Gemüt und sorgt dort mitunter für einen Dammbruch der Gefühle.

Diese Leistung gelingt nun auch der "Eiskönigin 2": Anna und Elsa, die royalen Schwestern mit den herzgroßen Augen, treten abermals mit einem reichen Melodien-Defilee auf. Dieses Liegut klingt oft so opulent, wie die Bilder aussehen, beginnend mit "All Is Found": Das Wiegenlied mit der Zupfgitarre und der mütterlichen Stimme schwillt rasch zu einem erhabenen Klangstrom an, veredelt durch die Wirkung der Kirchentonarten. Das klingende Herzstück des Films ist ebenfalls ganz auf ein King, äh: Queen-Size-Format getrimmt. "Into The Unkown" schickt sich an, die Nachfolge von "Let It Go" anzutreten. Ob es der Powerballade gelingt, bleibt abzuwarten. Die heroische Melodie und die fürstliche Orchesterfülle bürgen jedenfalls für einen ähnlichen Gänsehauteffekt wie Elsas Eishände im Moment der magischen Entladung.

Es mangelt dem Film aber auch nicht an heiteren Gegengewichten: Schneemann Olaf sehnt sich etwa in einem schrulligen Swingsong nach dem Erwachsenwerden ("When I Am Older"), "Some Things Never Change" breitet ein poppiges Stück heile Welt aus. Und: Kristoff, der sanfte Blonde mit den breiten Schultern, darf sich samt Rentierchor durch eine Ballade trällern, die auf dem Soundtrack auch in einer Punkpop-Fassung von Weezer vorliegt. Auch das ist ein possierlicher Song. Dass er ein wenig so klingt, als hätten Bryan Adams und die Poprocker von Chicago ihre Kräfte gebündelt, hören wir ja vielleicht im nächsten "Deadpool"-Film.