Es ist eine Frage der Identität, die in "Synonymes" von Nadav Lapid gestellt wird. Da verlässt ein junger Israeli sein Land und wandert nach Frankreich aus, weil er mit diesem Staat, aus dem er kommt, gebrochen hat und ihn für immer hinter sich lassen will. Israel, das sei "vulgär, obszön, ignorant, idiotisch, scheußlich, erbärmlich, abstoßend, verachtungsvoll, sündhaft, bestialisch und böse", sagt der junge Mann.

Er heißt Yoav (Tom Mercier), ist gerade in Paris angekommen und müht sich, in der Stadt zurechtzukommen. "Ich werde französisch werden", sagt er einem Bekannten. "Das reicht nicht", erwidert dieser. Aber Yoav erhebt seine völlige Assimilierung zum Ziel.

Die Geschichte, für die der Regisseur Nadav Lapid heuer bei der Berlinale mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Bären, ausgezeichnet wurde, ist seine eigene: Anfang der 1990er Jahre war es Lapid selbst, der Israel den Rücken kehrte. Es war nach seinem Militärdienst, als er ein Studium der Philosophie begonnen hatte und ihm irgendwann schlagartig klar wurde, dass er sein Land für immer verlassen würde, ganz ohne Plan, aber mit dem Ziel, in Frankreich zu leben, bis an sein Ende. Ein kritischer Umgang mit dem eigenen Land ist die Triebfeder für Lapid gewesen. "Als Bürger meines Landes besitze ich das Recht, offen und ernsthaft über mein Land zu reden, und wenn ich das tue, rede ich auch über mich selbst, denn ich bin Teil des Ganzen", sagte Lapid in einem Interview mit der "Welt". Es gab Kritik an dem Berlinale-Bären, weil viele befanden, man könne keinen anti-israelischen Film auszeichnen.

"Hätte Thomas Bernhard keine deutschen Auszeichnungen bekommen dürfen, weil er Österreich hart kritisiert hat?", konterte Lapid auf diesen Vorwurf.
"Synonymes" jedenfalls zeichnet sich durch seine künstlerische Qualität aus; Lapids große Nähe zu seinem Protagonisten ist auch Ausdruck für die große Nähe des Themas für ihn selbst: Ein Identitätsprozess, der noch immer nicht abgeschlossen scheint und der vor allem darin gipfelte, den Rest der Zeit kein Wort Hebräisch mehr zu sprechen. Einen größeren Identitätsbruch als die Verweigerung der Muttersprache gibt es kaum.

Nackt in der Fremde

Gleich nach seiner Ankunft in Paris werden Yoav seine wenigen Sachen gestohlen, er ist sprichwörtlich nackt in der heruntergekommenen Altbauwohnung, in der er haust. Er bekommt unerwartet Hilfe von den Nachbarn Caroline (Louise Chevillotte) und Emile (Quentin Dolmaire), die Yoav einkleiden und ihm Geld und Handy geben. Mit Akribie lernt er für den Einbürgerungstest, setzt alles daran, Bürger Frankreichs zu werden, aber die neuen Wurzeln, die er schlagen will, finden noch nicht so recht Halt im Untergrund. Die Nachbarn fungieren in "Synonymes" als Symbol für die typisch französische Lebensart, dazu gesellt sich ein Kontrast in Form von Yoavs neuem Job bei einer israelischen Sicherheitsfirma; mehr und mehr gerät Yoav zwischen die Kulturen.

"Israel fordert bedingungslose Liebe und Loyalität", sagt Lapid. Eine Forderung, der nicht jeder nachkommen will. "Synonymes" zeigt jedoch, dass es scheinbar unmöglich ist, dieser Heimat zu entkommen.