Bei den 32. Europäischen Filmpreisen in Berlin wird Regie-Veteran Werner Herzog am Samstag den Preis für sein Lebenswerk erhalten. Am Freitagabend stellte er seinen neuen Film "Family Romance, LLC." vor. Darin behandelt er eine reale japanische Firma, die Menschen als Freunde und Familienmitglieder vermietet. "Das hat mit fundamentaler Einsamkeit zu tun", so Herzog.

"Die Firma hat innerhalb von zwei Jahren rund 800 Mitarbeiter bekommen, die als Freunde oder Verwandte an einsame Personen vermietet werden, damit man mit ihnen Zeit verbringen kann", erklärte Herzog das Konzept des Unternehmens. Die Einsamkeit geht für ihn einerseits auf die alternde Bevölkerung und andererseits auf das Internet zurück. "Je mehr Internet wir haben, desto einsamer werden wir. Ich glaube, unser Jahrhundert wird das Jahrhundert der Einsamkeit", so der u.a. für "Fitzcarraldo" und "Aguirre - Der Zorn Gottes" bekannte Filmemacher. "Erstaunlich ist, dass das eine Welt ist, in der alles gestellt und eine Lüge ist. Aber die Gefühle sind immer authentisch", fügte er hinzu.

Herzog übernahm Aufgaben der gesamten Crew

Hauptdarsteller Yuichi Ishii ist tatsächlich der Chef des Unternehmens. Dennoch ist der Film kein Dokumentarfilm: "Es wird sehr bald klar, dass alles gestellt und vorgegeben ist", so Herzog. Einige Einstellungen habe man aber nur einmal drehen können, da die Dreharbeiten an bestimmten Orten untersagt seien. "Sowas muss man riskieren", unterstrich der Kultregisseur, der in "Family Romance, LLC." beinahe die Aufgaben der gesamten Crew übernahm. "Ich war mein eigener Kameramann und habe mich auch um die Kostüme gekümmert. Ich habe sogar Namen für den Abspann erfunden, weil der sonst peinlich kurz gewesen wäre", verriet er.

Das Gesamtmaterial für den Film beläuft sich laut Herzog auf lediglich rund 300 Minuten. "Wenn ich höre, dass junge Filmemacher 450 Stunden Material gedreht haben, sinkt mir mein Herz", berichtete er. "Wenn man 450 Stunden Filmmaterial ansammelt, weiß man nicht, was man tut", so Herzog weiter. Das Konzept, die Kameras immer laufen zu lassen und dann eventuell auf etwas Tolles zu stoßen, funktioniere nicht. "Man stößt nie auf etwas Tolles. Es ist alles mittelmäßig und hätte von Anfang an gar nicht gefilmt werden sollen", unterstrich er.

Für seine Filme reise Herzog sehr viel. "Meine Geschichten handeln an allen möglichen Orten, ich muss also dort hinfahren", erklärte er. Das Reisen mache ihm jedoch keine Freude. "Ich versuche, hier in Berlin auf Autopilot zu schalten. Auch für die Preisverleihung morgen", lachte er.

2020 sollen dann die 33. Europäischen Filmpreise im isländischen Reykjavik verliehen werden. "Es ist eine große Ehre, da der Gastgeber zu sein", sagte Erla Marelsdottir, die isländische Botschafterin in Berlin, am Freitag bei einem Empfang in der Berliner Botschaft der nordischen Länder. Dass der Preis 2020 in Island verliehen werde, zeige, dass die Filmszene weiter wachse und voller Energie sei. (apa)