Man sieht den Lehrer, bei dem der deutsche Regisseur Patrick Vollrath in die Schule gegangen ist, sehr deutlich. In seinem Film "7500" folgt vieles den dramaturgischen Regeln von Michael Haneke, auch, wenn das auf den ersten Blick anhand des Sujets kaum nachvollziehbar erscheint. Ein Flugzeug wird entführt, ein Kapitän schließt sich im Cockpit ein und versucht, die Katastrophe zu verhindern - das ist wahrlich kein Thema, dessen sich Haneke annehmen würde (auch, weil er Verfechter der Ansicht ist, man könne als Regisseur nur über Themen erzählen, bei denen man sich wirklich auskennt).

Aber es sind dann doch die Tipps und Tricks, die Vollrath von Haneke gelernt hat, als er auf der Wiener Filmakademie bei ihm Regie studierte: Filmmusik setzt Vollrath in seinem Kammerspiel der Angst keine ein, das ist auch so ein Haneke-T(r)ick: Der empfindet einen Score nämlich als Ablenkung, die die Fehler des Regisseurs kaschieren soll. Haneke hat damit nicht unrecht, und bei "7500", der überaus fulminant beginnt, macht sich mit der Zeit eine gewisse dramaturgische Schwäche bemerkbar, vor allem zum Ende hin, wenn Vollrath die Story ein wenig entgleitet. Musik hätte darüber wohl hinwegsehen lassen, aber Vollrath will keine Kompromisse eingehen, und das ist zumindest eine sehr gute Grundeinstellung dem Regisseursberuf gegenüber.

Der Angriff der Entführer

Im Mittelpunkt steht der Co-Pilot Tobias Ellis, sehr gelungen besetzt mit US-Independent-Star Joseph Gordon-Levitt (der nur zufällig Finanzminister Gernot Blümel wie aus dem Gesicht geschnitten ist). Ellis bereitet seinen Airbus 319 gerade für einen Flug von Berlin nach Paris vor, alles ist wie immer, es dürfte ein Routine-Flug werden. Nach dem Start geraten die Dinge an Bord jedoch außer Kontrolle, als eine Gruppe von Terroristen, unter ihnen auch der 18-jährige Vedat (Omid Memar), das Flugzeug in ihre Gewalt bringt. Der Pilot kommt beim ersten Angriff der Entführer ums Leben, Ellis gelingt es, das Cockpit abzuriegeln und den Hilferuf "7500" abzusetzen, jenes Signal, das Piloten im Falle einer Entführung senden. Ellis muss nun versuchen, die Terroristen aus dem Cockpit draußen zu halten, zugleich bangt er um seine Freundin, die als Stewardess hinten bei den Passagieren ist. Die Terroristen beginnen indes mit der Ermordung der Geiseln, die Situation droht Ellis zu entgleiten.

Bis hierhin ist "7500" ein packender, aber nicht in übliche Genrefallen tappender Thriller, dem es nicht an Spannung fehlt. Was genau im Passagierraum geschieht, kann Ellis nur erahnen, ein kleiner Überwachungsmonitor zeigt nur Fragmente; auch das hat sich Vollrath bei Haneke abgeschaut, der in vielen seiner Filme gerade durch Auslassungen Spannung und Drastik generiert; der Zuschauer muss sich selbst die Bilder ausdenken, die ihm der Regisseur verweigert. Brutalität kann man auf diese Weise beinahe ins Unermessliche steigern.

Vollraths Langfilmdebüt (er gewann für den Kurzfilm "Alles wird gut" 2015 den Studentenoscar) macht vieles richtig, auch die Entscheidung, die Entführung nahezu in Echtzeit zu zeigen, gehört dazu. Die dokumentarische Kamera lässt einen den Flug tatsächlich aus der Perspektive des Kapitäns miterleben.

Ein unbefriedigendes Ende

Allerdings steckt in dieser verordneten Abgeschiedenheit das Problem für die Auflösung des Films. Die Motive der islamistischen Entführer werden nur vage umrissen, was grundsätzlich kein dramaturgisches Problem darstellt. Weil im Finale dann allerdings der 18-jährige Vedat eine Schlüsselrolle zugespielt bekommt, im Verlauf derer viele Fragen ungelöst bleiben und dem Zuschauer einmal mehr die Geschichte vom radikalisierten jungen Islamisten etwas hanebüchen weisgemacht wird, geht "7500" am Ende deutlich die Puste aus und der lange aufrechterhaltene Spannungsmoment sackt in sich zusammen - ein eher unbefriedigender Moment für den Zuschauer.

Patrick Vollrath hat immerhin eine Visitenkarte abgegeben, dass er Spannung auch mit den Mitteln des Kunstkinos inszenieren kann; ob es für Genrekino wie dieses tatsächlich die richtige Stilwahl ist, darf hinterfragt werden.