Ladj Ly stammt aus der Banlieue rund um Paris, genauer: aus der Vorstadt Montfermeil. Dort spielt auch Victor Hugos Roman "Die Elenden", was den Originaltitel von Lys Film, "Les misérables", erklärt: Es geht um den gesellschaftlichen Rand, um jene, die nicht zum elitären Zirkel der Mächtigen gehören, ja nicht einmal zur ohnehin schon finanziell abgerutschten Mittelschicht. Wer hier aufwächst, kennt die Gefahren und Verlockungen der Armut.

Als Jugendlicher ist Ladj Ly mit seiner Videokamera durch die Straßen Montfermeils gezogen und hat alles gefilmt, was sich ihm darbot - von armen spielenden Kindern bis zur Prostitution. Kreativ brachte er sich bei einem Filmkollektiv ein, sein erster eigener Langfilm mit dem Titel "Die Wütenden" ist wie ein Destillat aus dieser Jugend, das gibt Ly auch selbst zu. Und was für ein Debütfilm das ist! Voller nervenaufreibender Szenen, packender Straßenkämpfe und vertrackter psychologischer Situationen. Dass dieser Film sehr authentisch wirkt, darf bei der Biografie seines Machers wenig verwundern. Und nach seiner Premiere in Cannes im Vorjahr hat es Ladj Ly nun als erster schwarzer Franzose geschafft, mit "Die Wütenden" ins Rennen um den Oscar in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" zu gehen.

Wer die Herkunft des Regisseurs kennt, versteht, dass sich weite Teile des Films um die Aktivitäten eines jungen Burschen drehen, der mit einer Kameradrohne allerlei Dinge in seinem Viertel festhält - natürlich illegal und geheim. Dass er heimlich mitfilmt, wie die Polizei mit Gewalt gegen einen mutmaßlichen Dieb vorgeht (der Verdächtige wird mit einem Gummigeschoss niedergestreckt), macht ihn zum Gejagten. Das Video sorgt im Viertel für Aufruhr, die Stimmung geht hoch, zumal der angebliche Dieb nichts Geringeres als ein Löwenbaby entwendet haben soll, das einem der Clan-Chefs, die die Umgebung kontrollieren, gehört.

Es geht um Ehre, Beleidigung, Kränkung, die Triebfedern für Gewalt bei machen jungen Männern. Von Polizeiseite her sieht sich der junge Filmer nun dem vom Land stammenden Polizisten Stéphane Ruiz (Damien Bonnard) und seinen neuen Kollegen, dem unbeherrschten Chris (Alexis Manenti) und dem etwas besonneneren Gwada (Djibril Zonga), gegenüber.

Gewaltspirale

Die Geschichte zu "Die Wütenden" geht auf eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 2008 zurück, als Ladj Ly in seinem Viertel tatsächlich Polizeigewalt auf Video aufgenommen hatte.

Zugespitzt hat er das in seinem Film deshalb, weil die Gewalt in der Banlieue seit 2005, als hunderte Autos brannten, keinesfalls zurückgegangen ist, im Gegenteil: Viele sozialen Konflikte haben sich weiter verschärft. Ly hat bereits angekündigt, dass er im Fall eines Oscar-Gewinns diese Bühne für seinen Kampf gegen die Gewalt nutzen will, weil sein Film von ganz universellen Problemen erzähle, die alle Länder der Welt etwas angingen.

Lys Art, die Geschichte zu inszenieren, ist geprägt von einer großen Nähe zu seinen Figuren, die Ly gekonnt mit Laien und Schauspielern besetzt hat. Es ist jedenfalls schnell klar: Der Mann weiß, wovon er spricht.

Unter den Gangs und mit der Polizei gibt es kaum Sätze, die nicht wie eine Drohung klingen, die permanente Eskalation in den Vierteln zeigt Ly in energiegeladenem Tempo, das er stetig steigert. Das, was Mathieu Kassovitz vor 20 Jahren bereits in seinem Film "La haine" ("Der Hass"), einer der ersten filmischen Auseinandersetzungen mit den Problemen der Pariser Vorstädte, zeigte, hat sich bis heute noch potenziert. Die Männer haben das Sagen (außer auf der Polizeistation, die von einer zynischen Polizistin geleitet wird), und je bedrückender die Handlung fortschreitet, desto wummernder werden die Töne aus dem Score.

Der Film erzeugt eine raffinierte Sogwirkung. Und so kann der Autodidakt Ly mit gerade einmal 39 Jahren von sich sagen, es von den ärmlichen Vororte-Verhältnissen bis zu den Oscars nach Hollywood geschafft zu haben. Das mag nach einer kitschigen Aufsteigerstory klingen, bemerkenswert daran ist aber, dass gerade seine Herkunft, die solch eine Karriere nicht vermuten lässt, im vorliegenden Fall genau der Grund für den Aufstieg ist: Die eigenen Jugenderfahrungen als Sujet für einen Spielfilm, das schafft Authentizität, die man in Hollywood so nicht kennt und vielleicht deshalb so ungemein großartig findet.