Ganze 15 Jahre lang hat der Franzose Ladj Ly an "Die Wütenden - Les misérables" gearbeitet. Der Erstlingsfilm, der in Cannes den Preis der Jury gewann und nun in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" auch im Rennen um einen Oscar ist, berichtet von den sozialen Brennpunkten Frankreichs in der Banlieue, in den Vorstädten von Paris. Der Regisseur entstammt dieser Gegend um Montfermeil, wo Victor Hugo dereinst seinen Roman "Les misérables" spielen ließ. Doch die Übernahme des Filmtitels ist mehr launiges Zitat, wie Ly betont. Ly erzählt von einer Polizeieinheit, die sich im Sumpf aus Verbrechen und Clan-Streitigkeiten zurechtfinden muss. Ein kleiner Bub macht mit seiner Drohne Aufnahmen von Polizeigewalt, das Video empört die Bewohner, die Stimmung schaukelt sich hoch, es kommt zu Gewalt, Hass und Eskalation.

Im Interview mit Ladj Ly verrät der Filmemacher, wieso es für ihn wichtig war, auch persönliche Erlebnisse in seinem Film zu verarbeiten.

"Wiener Zeitung": Monsieur Ly, für "Les misérables" konnten Sie aus Ihren persönlichen Erfahrungen schöpfen. Ist der Film autobiografisch?

Buzz hat in "Die Wütenden - Les misérables" mit seiner Drohne ein Video gemacht, das zu einem Gewaltausbruch führt. Er wird übrigens vom Sohn des Regisseurs gespielt. - © Constantinfilm
Buzz hat in "Die Wütenden - Les misérables" mit seiner Drohne ein Video gemacht, das zu einem Gewaltausbruch führt. Er wird übrigens vom Sohn des Regisseurs gespielt. - © Constantinfilm

Ladj Ly: Ja, durchaus. Ich bin dort aufgewachsen, wo der Film spielt: in Montfermeil. Ich bin Teil eines Filmkollektivs namens Kourtrajmé und drehe seit über 20 Jahren in der Banlieue: Dokus, Clips, Kurzfilme. Jetzt, mit meinem ersten Spielfilm, greife ich auf diese Erfahrungen zurück und benutze sie als Impulsgeber für den Plot.

Buzz, ein Bub aus der Banlieue, hat in "Les misérables" eine Schlüsselrolle, weil er mit einer Drohne verhängnisvolle Aufnahmen macht.

Buzz ist wie das Auge des Viertels: Er ist ein Einzelgänger, der sich für neue Technologien begeistert. Es gibt eine Parallele zu mir: Ich selbst bin auch jahrelang täglich mit der Kamera durch die Straßen gezogen und habe alles gefilmt, was mir vor die Nase kam. In der Figur ist sicher viel von mir drin - passenderweise ist es mein Sohn, der im Film diese Rolle spielt.

In Ihrem Film geht es also um die Macht der Bilder. Buzz’ Video wird zum Auslöser für Gewalt.

Es gibt ein Schwarzweiß-Porträt von mir, darauf halte ich meine Kamera wie ein Gewehr im Anschlag in die Linse. Ich habe meine Kamera immer als Waffe verstanden. Die Frage im Film ist allerdings noch deutlich komplexer. Da kommen auch die Gedanken auf, wie mächtig Bilder sein können, ob man sie veröffentlichen soll, und warum, und was die Konsequenzen sind. Viele Menschen, die heute Bilder posten, stellen sich all diese Fragen nicht.