Der Zahnstocher des Samurai

Vielmehr geht es in seinen Filmen um universelle Werte, grundlegende Dilemmata sowie um die Frage, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht. Mögliche Antworten darauf findet man aber nicht in einfachen Botschaften mit Wahrheitsanspruch. Stattdessen werden sie anhand der Ambivalenzen des Lebens angedeutet. Genauso wie man in Japan auf eine Frage selten ein eindeutiges "Ja" oder "Nein" hört, genauso wenig gibt es bei Miyazagi ein simples Gut-Böse-Schema.

Den eindimensionalen Menschen gibt es bei ihm nicht. So kommt es, dass Schurken ihren alten Lastern abschwören, Feinde zu einem toleranten Umgang miteinander finden, vermeintliche Bösewichte sich als verwegene Freunde entpuppen.

Auch die Helden seiner Geschichten sind keine typischen Filmhelden, sondern aufgeweckte Mädchen, die sich oftmals von zögerlichen und ängstlichen Heldinnen zu selbstbewussten Persönlichkeiten entwickeln. Miyazakis Protagonisten handeln getreu einem japanischen Sprichwort, nämlich dass ein Samurai, selbst wenn er nichts mehr zu essen hat, noch einen Zahnstocher benutzt. Reichhaltige Bandbreite seiner kunstvollen wie farbenfrohen Zeichnungen setzt den originellen und tiefgehenden Geschichten noch eins drauf.

Die Würze der Details

Miyazaki liebt weite Landschaften und dichte Wälder, in denen nichts passiert - außer, dass am Himmel Wolken vielleicht vorüberziehen oder ein Wassertropfen auf einen Grashalm fällt. Seine Filme leben von den vielen detailverliebten Zeichnungen, selbst an den Rändern animiert er kleine, nebensächliche Dinge, zeigt sie in kurzen Einstellungen. Sein Zeichenstil entstammt dem klassischen Anime-Stil, seine Figuren sind stets voll animiert. Das stärkt ihren Ausdruck, macht sie emotional glaubhaft. Hinzu kommen der geschickte Wechsel zwischen Nahaufnahme und Totale und sein präziser Pinselstrich. Für die epische Geschichte "Prinzessin Mononoke", heißt es, habe er 80.000 der rund 140.000 Einzelbilder selbst gezeichnet.

2013 verkündete Miyazaki seinen Abschied vom Spielfilm, er trat in den Ruhestand. Vier Jahre später verlautet das Hause Ghibli, er habe entschieden, wieder einen abendfüllenden Spielfilm zu machen. Der Regisseur soll ein "lohnendes Thema" gefunden haben, dem er sich widmen möchte. Bis dahin kann man sich ja mit den alten Meisterwerken auf Scheibe oder ab sofort auch im Netflix-Stream darauf einstimmen.