Mit ihrer entrischen Genre-Übung "Ich seh ich seh", ein sparsam inszenierter Horrorfilm, sowohl budgetmäßig als auch im Bereich der Effekte, wurden Veronika Franz und Severin Fiala 2014 sozusagen über Nacht zu den Stars einer Horrorfilm-Fangemeinde, die den Film weltweit bejubelte und ihn bis heute verehrt. Damals feierte die Arthaus-Horrorgeschichte rund um Zwillingsbuben, die an der Identität ihrer Mutter zweifeln, seit diese mit Kopfverband aus dem Krankenhaus zurückgekehrt ist, auch umjubelte Premieren bei den Filmfestivals in Venedig und Toronto - was nicht folgenlos blieb für das Regie-Duo Franz und Fiala. Zumal im Vorfeld schon der unheimliche Trailer zu "Goodnight Mommy" (so lautete der englische Titel) auf YouTube hunderttausende Male angesehen wurde und bei so manchem Executive in den Hollywood-Studios für Aufsehen sorgte.

Sechs Jahre später hat das Duo nicht nur einen neuen Spielfilm abgedreht, sondern jettet gerade von Termin zu Termin in den USA. 2019 wurde ihr neuer Horrorfilm "The Lodge" beim renommierten Sundance Filmfestival in Park City, Utah, der Öffentlichkeit vorgestellt, diese Woche sind Franz und Fiala in Los Angeles bei etlichen Preview Screenings zugegen. Und auch einen eigenen Agenten hat das Duo bereits, in einem eher schmucklosen Gebäude in L.A., "nicht gerade mit rotem Teppich davor", wie Franz auf ihrem Facebook-Account postete.

Auf den Spuren eines Mythos

Veronika Franz und Severin Fiala beim Sundance Festival 2019. - © ap/picturedesk/ Taylor Jewell
Veronika Franz und Severin Fiala beim Sundance Festival 2019. - © ap/picturedesk/ Taylor Jewell

Franz und Fiala lernen zurzeit den Mythos Hollywood von innen kennen, und dass dieser vom Glamour der Awards-Shows und Filmfestivals weit entfernt liegt, weiß jeder Laie; schließlich will in Hollywood zuallererst Geld verdient werden, denn von der Filmkunst kann schließlich niemand leben. Unter Hollywoods Voraussetzungen wäre ein Filmdebüt wie "Ich seh ich seh" also auf gar keinen Fall zustande gekommen.

Für "The Lodge", ihren ersten Hollywood-Spielfilm, musste das Duo darob auch mit vielen Einschränkungen und Limitierungen kämpfen. So hatten Franz und Fiala nur eingeschränkt darauf Einfluss, mit welchen Schauspielern sie den Film besetzen konnten, und auch beim Schnitt mischte sich - wie in Hollywood üblich - das Studio ein. Ein an sich normaler Vorgang, weil es diesen Filmfabriken darum geht, das Produkt Film bis zum Kinostart ständig zu optimieren. Künstlerische Freiheit sieht hingegen anders aus. "In Hollywood haben wir gelernt, wie man dabei bleibt: Nämlich, indem man möglichst viele Eisen im Feuer hat, weil man nie weiß, welches etwas wird", sagte Severin Fiala in einem Radiointerview mit fm4. "Es funktioniert dort so, dass alles entweder ganz schnell gehen muss oder nie." Und dass das Mitspracherecht der Regisseure oft auf der Strecke bleibt, wenn man nicht gerade Martin Scorsese heißt oder für Netflix dreht.

Alles für das Publikum

Wobei: Serien wären für Franz und Fiala durchaus eine Versuchung, wie Fiala bestätigt. Und: Derzeit würden Drehbuchautoren aus Großbritannien und den USA an Scripten für die beiden arbeiten, die Projektlage ist vage, aber durchaus vielgestaltig. Die Devise lautet: Erst einmal abwarten, wie "The Lodge" beim Publikum ankommt, denn auch das ist so ein Indikator für eine Hollywood-Laufbahn: ohne Publikum keine Karriere.

"The Lodge" läuft diese Woche auch in den österreichischen Kinos an. Die Konstellation ist ähnlich wie bei "Ich seh ich seh": Eine Frau und zwei Kinder zusammen in einem Haus, und das Gruseln kann losgehen. Diesmal aber handelt es sich um die beiden Geschwister Mia (Lia McHugh) und Aiden (Jaeden Martell), die zusammen mit ihrem Vater Richard (Richard Armitage) und dessen neuer Freundin Grace (Riley Keough) über Weihnachten in eine abgelegene Hütte fahren. Dort sollen die Kinder Grace besser kennenlernen, denn erst kurz zuvor hatte Richard die Frau und Mutter seiner Kinder für Grace verlassen, was der Nachwuchs gar nicht goutierte. Als Daddy für zwei Tage jobmäßig zurück in die Stadt muss, nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Kids finden nämlich heraus, dass Grace einst bei einer christlichen Sekte gewesen ist, die kollektiv Massenselbstmord verübt hat. Nur Grace hat damals überlebt.

Trotz der Eingriffe, die die produzierenden und legendären "Hammer Films" zweifelsohne bei "The Lodge" vorgenommen haben, bleibt doch die Handschrift des österreichischen Grusel-Duos erkennbar, die sich vor allem durch Subtilität hervortut. Gemeinsam mit den Bildern von Yorgos Lanthimos’ Stammkameramann Thimios Bakatakis gelingt dem Duo ein entrisches Gesamtkonzept der Ungemütlichkeit, das den gesamten Film durchzieht. Diese unheimliche Grundstimmung hat Kultcharakter, dieses sparsame Vermessen von Atmosphäre wirkt nachhaltiger als viele anderen Schocker, die mehr auf Effekte setzen denn auf Dramaturgie und Stimmung. Der Horror, er liegt bei Veronika Franz und Severin Fiala meistens im Detail.

Rückkehr ins Waldviertel

Trotz der internationalen Aufmerksamkeit für die beiden Horrorfilme und trotz etlicher "Eisen im Feuer" wird das Duo seinen nächsten Film nicht in den USA drehen, sondern daheim im Waldviertel. In dem als "historischer Spielfilm" angekündigten "Des Teufels Bad" geht es um Frauen, Religion und Ritualmorde: Im Oberösterreich des 18. Jahrhunderts wird ein kleines Kind von der Mutter ermordet, die Mutter stellt sich. Sie will für ihr Verbrechen hingerichtet werden. Und sie ist kein Einzelfall. Der Film behandle ein "bisher unbeleuchtetes Kapitel europäischer Geschichte", sagt Franz. Anhand des Projekts wird auch die Wurzel von Franz’ und Fialas Erfolg sichtbar: Beide arbeiten quasi wie ein Familienbetrieb unter der Produktion von Ulrich Seidl zusammen. Seidl ist Franz’ Ehemann und Fialas Onkel.

Zusammen hat das Trio noch einige Projekte im Köcher, zum Beispiel einen ORF-Landkrimi, den ebenfalls Franz und Fiala schreiben und inszenieren werden. Franz arbeitet mit Seidl an Dokumentarfilmprojekten über Alkoholräusche, Flucht-Bewegungen und "schwarzen" Tourismus, mit "Untertauchen" listet Ulrich Seidls Filmproduktionsfirma ein weiteres Spielfilmprojekt von Franz und Fiala, die zudem auch am Drehbuch zu Seidls Langzeit-Projekt über den gefürchteten Einbrecher, Räuber und Totschläger Johann Georg Grasel (1790-1818) aus dem Waldviertel mitwirken. Selbst, wenn aus der zurzeit verheißungsvollen Hollywood-Karriere des Horror-Duos nichts werden sollte: Langweilig wird Franz und Fiala bestimmt nicht.