Insgesamt zwölf Nominierungen beim "César", dem französischen Pendant zum Oscar, für Roman Polanskis "Intrige" zeigen nicht nur die künstlerische Wertschätzung der Franzosen für diesen herausragend inszenierten Film, sie zeigen auch, wie man Polanski, diesem inzwischen 86-jährigen Filmregisseur, der - man kann es durchaus so sagen - weltweit in Ungnade gefallen ist, immer noch hochhält, ganz unabhängig davon, was man ihm zur Last legt. Die vier Jahrzehnte zurückliegenden Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn schienen fast vergessen, aber die #MeToo-Bewegung hat alles geändert und Polanski ist heute bei vielen geächteter denn je, noch dazu, als im vergangenen November neue Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn auftauchten.

Dennoch gibt es die, die ihm die Stange halten. Das Filmfestival von Venedig zum Beispiel, das "Intrige" im Wettbewerb platzierte, etlichen Protesten zum Trotz. Oder eben jetzt die "Césars", die dem Film justament die meisten Nominierungen zusprach. Polanski ist damit zumindest gelungen, dass man wieder über die Trennung von Kunst und Künstler debattiert.

Eine zeitgemäße Geschichte

Noch dazu, weil "Intrige" auch ein Stück Moral transportiert und sich, trotz seines Settings im Jahr 1895, sehr heutig anfühlt; das deshalb, weil Polanski seine Geschichte thematisch so zeitgemäß erzählt. Es geht um die sogenannte Dreyfus-Affäre: Der wegen Hochverrats verurteilte jüdische Offizier Alfred Dreyfus (Louis Garrel) wird in einem demütigenden und vor großem Publikum veranstalteten militärischen Akt degradiert und anschließend auf die Teufelsinsel verfrachtet, wo er eine lebenslange Haftstrafe verbüßen muss. Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin) hat die Absetzung von Dreyfus aus nächster Nähe mitverfolgt und wird kurze Zeit später zum Leiter der militärischen Spionageabwehr Frankreichs ernannt. Dort will er frischen Wind in die angestaubte Abteilung bringen. Bald entdeckt er Hinweise darauf, dass Dreyfus zu Unrecht verurteilt worden sein könnte. Er bemüht sich, die wahren, antisemitisch motivierten Hintergründe der Affäre Dreyfus ans Licht zu bringen, jedoch werden diese Anstrengungen sehr schnell von oberster Stelle unterbunden. Picquart, selbst nicht gerade ein Freund der Juden, fühlt sich dennoch der Wahrheit verpflichtet und tritt als eine Art Whistleblower gegen die eigene Institution auf.

Roman Polanski inszeniert all das mit ruhiger Hand, in chronologischer Reihenfolge, gespickt mit ein paar Rückblenden und immer auch versetzt mit Spannungsmomenten, die das Kostümdrama um Thriller-Elemente bereichert. Die ungewünschten Nachforschungen von Picquart schlüsseln zudem auf, wie tief antisemitische Strömungen in der französischen Gesellschaft damals verwurzelt waren, und die Art, wie Polanski dies inszeniert, legt nahe, dass sich daran bis heute wenig geändert haben mag. Schließlich ächzen Europas Demokratien auch heute noch immer wieder unter korrupten, alteingesessenen Systemen, die Unrecht zulassen. Beispiele für solche Systemfehler gibt es zuhauf. Und auch der Antisemitismus keimt vielerorts wieder auf. Insofern ist "Intrige" ein sehr heutiger Film geworden, über weiße Männer, die in Hinterzimmern ihre Macht zementieren. Wie immer man zu Polanski steht: Mit "Intrige" zeigt er, dass er einer der Großen seines Fachs ist und ein Sensorium für die Themen unserer Zeit besitzt.