Einer, der bei der 92. Oscar-Verleihung in der Nacht auf kommenden Montag mit Sicherheit stehende Ovationen erhalten wird, steht schon fest, nur hat er davon nichts mehr: Dem großen, gerade 103-jährig verstorbenen Kirk Douglas wird in der Ahnengalerie der Verstorbenen des letzten Jahres, eine sehr traditionelle Rubrik der Oscar-Show, sicher der größte Platz eingeräumt werden. Und zwar deshalb, weil er wie kaum ein anderer noch den Hauch des alten Hollywood verströmte. Ein Hollywood, das es längst nicht mehr gibt und aus dessen Frühzeit jener Filmpreis stammt, der immerhin schon 92 Jahre alt ist - und damit sogar elf Jahre jünger als Kirk Douglas.

Sie sind gemeinsam alt geworden, so viel lässt sich jedenfalls sagen: Kirk, in Würde gealtert, seit bald zwei Jahrzehnten im Ruhestand, aber wie ein Übervater des Goldenen Zeitalters der Traumfabrik, oder auch, wenn man es skeptischer formuliert: wie sein Relikt. Und der goldene Oscar, immer noch der Welt wichtigster Filmpreis, aber er muss sich schon lange Kritik gefallen lassen, weil die Mitglieder der Academy entweder zu weiß sind, zu wenig Farbige auszeichnen oder nominieren und gar keine Frauen berücksichtigen in den Königskategorien. Eigentlich kein Wunder, ist die Academy doch immer noch zu 84 Prozent weiß und zu 68 Prozent männlich. Hinzu kommt der Wandel, dem sich die Unterhaltungsindustrie gegenüber sieht: Heute ist nichts mehr so wie vor noch zehn Jahren, oder wann haben Sie Ihre letzte DVD gekauft?

24 Nominierungen für Netflix

Die Streaming-Portale Netflix, Amazon und Co. haben das Kino fast obsolet gemacht mit ihren (manchmal durchaus hochwertigen) Filmen und Serien. Man darf gespannt sein, wie die Academy-Mitglieder heuer mit Netflix umgehen, denn der Streamingdienst hat insgesamt satte 24 Nominierungen eingefahren. Für eine elitäre Riege in der Academy ist das ein No-Go: Mächtige Hollywood-Regisseure wie Steven Spielberg wettern offen gegen Netflix und fordern den Ausschluss von der Gala, weil es schließlich kein Kino ist, was hier gemacht wird. Und Kino ist eben die Voraussetzung für einen Oscar. So steht es in den Statuten von 1929. Das ist eine Haltung, die man unterstützen kann, aber keineswegs muss. Schließlich weiß man auch nicht, wie die Academy die Kriterien formuliert hätte, hätte es 1929 schon Streaming-Fernsehen gegeben.

Die Debatte ist insofern müßig, als dass seit Jahren kaum Bewegung darin stattfindet. Die Fronten sind verhärtet, oder zumindest: klar. Die einen sind pro Netflix, die anderen dagegen. Alle aber verdienen recht gut damit, denn seit Netflix im großen Stil Inhalte produziert, sind auch die Jobs beim Film explodiert. In den USA und auf allen anderen lokalen Netflix-Märkten. Wer braucht da noch den Oscar?

Tatsächlich ist es so, dass der Oscar als Medienevent und Society-Show die maximale Aufmerksamkeit erregt. Und obwohl es eine Entwicklung gibt, die zeigt, dass die Oscars immer weniger Einfluss auf die Ticketverkäufe haben, so ist es doch immer noch so, dass man die Marge mit einer Oscarnominierung beträchtlich erhöhen kann. "Little Women" erzielte ein Box-Office-Plus von 21 Prozent seit Bekanntwerden der Nominierungen, "Parasite" aus Korea immerhin 18 Prozent. Die Oscar-TV-Übertragung ist auch auf dem Weg nach unten, und zwar seit Jahren. 1998 sahen noch 55 Millionen Amerikaner zu, im Vorjahr waren es nicht einmal mehr 30 Millionen. Dennoch ist diese Show immer noch eines der meist gesehenen TV-Events der Welt.

Abgesehen von all diesen Zahlen ist der Einfluss der Oscars auf die Filmgeschichte weit geringer als angenommen. Viele Preisträger sind letztlich Kompromisskandidaten, oft sind die Filme nach kurzer Zeit bereits vergessen, und die wahren Kunstwerke werden von der Oscar-Jury völlig ignoriert. Das Ranking der 100 besten Filme aller Zeiten der renommierten britischen Filmzeitschrift "Sight & Sound" listet nur 13 Filme, die für einen Oscar als bester Film nominiert waren. Nur vier davon gewannen ihn auch, nämlich "Casablanca", "Lawrence of Arabia" sowie "Der Pate" I und II. Viele Weltstars - darunter auch Kirk Douglas, Cary Grant, Harrison Ford, Amy Adams, Gene Wilder, Tom Cruise, Will Smith - bekamen nie einen Oscar für ihre Schauspielkunst. Und die Auszeichnung als Best Picture lässt einen auch manchmal verwundert zurück: Wie ist zu erklären, dass ein Film wie "Green Book" 2019 den Hauptpreis gewinnt, bei so starker Konkurrenz wie "Roma", "BlacKkKlansman" oder "A Star Is Born"? Die Zeichen sind eindeutig: Der Oscar steht eher in Opposition zu den Filmen, die sich später als die wahren Klassiker etablieren.