Er tanzte mit einem Stuhl am Rücken, daneben eine Tür auf Rollen. Ein anderes Mal trugen Merce Cunninghams Tänzer Ganzköpertricots im gleichen Muster wie der Bühnenboden und der Hintergrundprospekt, sodass sie scheinbar miteinander verschmolzen. "Summerspace" war eine absolut avantgardistische Neuheit im Jahr 1958. Merce Cunningham (1919-2009) war nie interessiert an Tanz, der Gefühle widerspiegelt oder Musik darstellt. Sondern "Tanz drückt nichts aus, er ist einfach, was er ist: eine rein visuelle Erfahrung", sagte er in einem Interview, das im Dokumentarfilm "Cunningham" (Kinostart ist am 14. Februar) der Regisseurin Alla Kovgan zu sehen ist.

Neben Martha Graham und George Balanchine galt Cunningham als der einflussreichste und visionärste Tänzer und Choreograf des Modern Dance in den USA. Ihm selbst war aber die Bezeichnung seiner Tanzart vollkommen egal: "Ich beschreibe meinen Tanz nicht, ich tanze. Ich wollte körperliche Grenzen von Bewegungen, die ich mir vorstellte, ausloten. Im klassischen Ballett gibt es unglaubliche Beintechniken, im Modern Dance viele interessante Elemente für den Oberkörper. Ich habe versucht, beides zu kombinieren, um einen gelenkigen, geschmeidigen Körper zu erschaffen, der so viele verschiedene Bewegungen wie möglich ausführen kann", erzählt er in einer weiteren Archivaufnahme der Doku.

Der Tanz als Pop-Art

Merce Cunningham bei seiner Stuhl- - © R. Rutled
Merce Cunningham bei seiner Stuhl- - © R. Rutled

Der am 16. April 1919 im kleinen Ort Centralia im US-Bundesstaat Washington geborene Künstler hat laut seiner Mutter schon als Vierjähriger sonntags in der Kirche getänzelt. Später lernte er Gesellschafts- und Stepptanz. Dann kam er zur Modern-Dance-Ikone Martha Graham, bei der er bis 1945 Solotänzer war. Er hat immer wieder neue ästhetische Trends ausgelöst: Cunningham führte die Pop-Art und das Happening in die Welt des Tanzes ein, hat Mixed Media erfunden und alle Thesen zu Tanz und seiner Wahrnehmung in Frage gestellt. Cunningham arbeitete eng zusammen mit den Enfants terribles der amerikanischen Avantgarde-Musik John Cage und David Tudor, er konnte auch Künstler wie Andy Warhol, Robert Rauschenberg und Jasper Johns für seine Produktionen gewinnen.

In den frühen 50ern entstand seine eigene Kompagnie, deren Arbeitsweise die Welt des Modern Dance schockierte: Mit einer Stoppuhr behält Cunningham die Zeit bei den Proben im Auge und schlägt den Takt nach dem Rucken des Sekundenzeigers. Das brachte dem Ensemble den Ruf ein, aus Robotern zu bestehen. Eine damalige Tänzerin meinte dazu: "Merce ist wie ein Maler, und wir sind seine Farben."

Berühmt geworden ist Cunningham durch die Verwendung des "Zufalls und der Willkür" in der Choreografie, vergleichbar mit der Aleatorik in der modernen Musik. So schuf er rund 200 Choreografien bis kurz vor seinem Tod. Einige dieser Werke, nämlich jene, die zwischen 1944 und 1972 entstanden sind, und den künstlerischen Werdegang in dieser Epoche thematisiert der Dokumentarfilm. Zur Erläuterung mischt Regisseurin Kovgan schwarz-weiße Archivaufnahmen mit heutigen Szenen in 3D - getanzt von den letzten Mitgliedern seiner Kompagnie. Die Privatperson Cunningham kommt hier zu kurz: Kovgans Augenmerk liegt in einer bildgewaltigen Auferstehung einiger Werke. Diese verdeutlichen, aus heutiger Sicht betrachtet, den Einfluss seiner Ideen auf viele ihm folgende Künstler.