Was lange reift, wird schließlich gut, das ist ein Satz, der vortrefflich auf Joseph Vilsmaier passt. Der 1939 in München geborene Regisseur und Kameramann gab sein Regie-Debüt erst im Alter von beinahe 50 Jahren – dafür aber hatte dieser Film gleich durchschlagenden Erfolg: "Herbstmilch" nach den Lebenserinnerungen der Bäuerin Anna Wimschneider, der 1989 in die Kinos kam, wurde von Kritik wie Publikum hoch gelobt, erreichte mehr als zwei Millionen Zuschauer in Deutschland, und der deutsche Film hatte auf einmal einen Regisseur, der nicht nur sein Handwerk verstand, sondern auch von der Kunst der Inszenierung eine Ahnung hatte und zugleich epische Breite beherrschte; ideale Voraussetzungen für ganz großes Kino, und das hat Vilsmaier später auch mehrmals geliefert.

Doch zunächst wollte das Handwerk erst einmal erlernt werden. Vilsmaier studierte nach der Schule Klavier am Münchner Konservatorium. Dann entdeckte er den Film: Er absolvierte eine technische Ausbildung beim Münchner Kamera-Hersteller Arri. 1961 fing er als Materialassistent an, später wurde er Kameramann und drehte viele "Tatort"-Folgen, aber auch Komödien mit Dieter Hallervorden wie "Didi auf vollen Touren". Der Wechsel zur Regie mit "Herbstmilch" prägte seinen Regie-Stil, ganz stark der Optik eines Films zuzuarbeiten; die Kameraarbeit blieb ihm stets das Allerwichtigste.

Regisseur Joseph Vilsmaier (l), der Schauspieler Heino Ferch (m) und der Chef des Senator-Filmverleihs Hanno Huth (r), als sie 1998 für  "Comedian Harmonists" geehrt werden, den erfolgreichsten deutschen Film 1998, - © APAweb /dpa
Regisseur Joseph Vilsmaier (l), der Schauspieler Heino Ferch (m) und der Chef des Senator-Filmverleihs Hanno Huth (r), als sie 1998 für  "Comedian Harmonists" geehrt werden, den erfolgreichsten deutschen Film 1998, - © APAweb /dpa

Auf dem Weg zur Hochform

Das sieht man auch bei seinem Großprojekt "Stalingrad" (1993), das er in opulenter Weise verfilmte. Die Grauen der Schlacht um Stalingrad, erzählt aus der Sicht eines deutschen Sturmpionier-Bataillons, war zwar als Antikriegsfilm gedacht, musste aber Kritik einstecken: Man bezeichnete es als "reaktionäres Machwerk, das die Rolle der Wehrmacht und somit den Faschismus verharmlost", schrieb Prisma Online. Rein vom inszenatorischen Können war der Film jedoch überaus kraftvoll.

Vilsmaier lief weiter zu Hochform auf: Mit der Verfilmung von "Schlafes Bruder", dem Roman des österreichischen Schriftstellers Robert Schneider, gelang ihm 1995 sein größter internationaler Erfolg und brachte ihm sogar eine Nominierung bei den Golden Globes ein. Der Film führt Vilsmaier erneut in rurale Umgebung, und wieder gelingt ihm, die Geschichte des Johannes Elias Adler, dessen konservatives Umfeld seine Hochbegabung nicht erkannte und verkümmern ließ, mit großer visueller Opulenz darzureichen.

Seinen größten Erfolg in Deutschland und Österreich drehte Vilsmaier 1997 mit "Comedian Harmonists", jenem Porträt des berühmten Vokalensembles, das sein Publikum während der Zeit der Weimarer Republik verzückte. Auch hier: Visuelle Brillanz dominiert. In vielen Fällen führte Joseph Vilsmaier bei seinen Regiearbeiten auch die Kamera selbst.

Es folgten Filme über Marlene Dietrich ("Marlene", 2000), die Adalbert-Stifter-Adaption "Bergkristall" (2004) oder "Der letzte Zug" (2006) über Berliner Juden, die 1943 per Zug nach Auschwitz geschickt wurden. Für Vilsmaier waren es die historischen Themen, die ihn persönlich am meisten interessierten und die auch seinem Faible für kraftvolle Bilder nachkamen. Seiner Heimat Bayern schenkte er die Doku "Bavaria – Traumreise durch Bayern" (2012), an Österreich richtete er seine Hommage "Österreich – Oben und Unten" (2015), die hauptsächlich aus fantastischen Luftaufnahmen bestand.

Abseits der Leinwand musste Vilsmaier einen schweren Schicksalsschlag einstecken, als seine Ehefrau, die tschechische Sängerin und Schauspielerin Dana Vávrová, 2009 mit nur 41 Jahren an Krebs starb.

Der letzte Film

Zuletzt hatte der Münchner mit Michael Bully Herbig und Hape Kerkeling gedreht – die Komödie "Der Boandlkramer und die ewige Liebe", die im November ins Kino kommen soll. Herbig spielt darin den personifizierten Tod, der sich verliebt, Kerkeling ist als Teufel zu sehen. "Joseph, mein lieber Freund, ich werde Dich so sehr vermissen! Dein mitreißendes Lachen, Dein herrliches Schimpfen, Deine einzigartigen Geschichten, Deine schier endlose Energie, Deine Spitzbübigkeit, Dein großes Herz, einfach Alles!", verabschiedete sich Herbig auf Instagram.

So wird vermutlich auch Vilsmaiers letzter Film voller traditioneller und historischer Elemente sein, visuell herausragend und mindestens so bodenständig wie Vilsmaier selbst, der sich bei Interviews den Journalisten gerne nahbar mit "Servus, ich bin der Sepp" vorstellte. Am Dienstag ist der Regisseur im Alter von 81 Jahren in seinem Haus in München gestorben, teilten seine erwachsenen Töchter Janina, Theresa und Josefina mit: "Wir vermissen unseren Vater und trauern gemeinsam mit unserer Familie und Freunden um einen ganz besonderen Menschen und einen großartigen Filmemacher."