Die in Wels geborene Regisseurin Sabine Derflinger setzt mit ihrer Doku "Die Dohnal" (derzeit im Kino) der früheren Frauenministerin ein filmisches Denkmal. Der Film wirkt wie ein Plädoyer für mehr Gendergerechtigkeit.

"Wiener Zeitung": Frau Derflinger, Sie sind selbst eine Vorkämpferin für Frauen, als Regisseurin in einer Männerdomäne unterwegs und dabei ziemlich kompromisslos. Wenn jemand einen Film über Johnanna Dohnal machen soll, dann wohl Sie. Sehen Sie das auch so?

Sabine Derflinger: (lacht) Eigentlich schon. Denn als man mich vonseiten des Johanna-Dohnal-Instituts fragte, ob ich den Film machen wollte, kam mir dieser Gedanke auch in den Sinn.

Sabine Derflinger hat Johanna Dohnal ein filmisches Denkmal gesetzt. - © Katharina Sartena
Sabine Derflinger hat Johanna Dohnal ein filmisches Denkmal gesetzt. - © Katharina Sartena

Welche Erinnerungen haben Sie an Johanna Dohnal?

Ich komme ja aus der Provinz, und habe viele ihrer Stationen über die Medien verfolgt, die heißen Debatten um ihre Person. Dort, wo ich aufwuchs, gab es natürlich keinen Feminismus. Mit 16 musste ich einen Freund fragen, was Feminismus überhaupt ist. Oder Emanzipation. Ich kannte diese Begriffe nicht. Und googlen konnte man das nicht (lacht). Ich habe viel von Johanna Dohnal gelernt, aber habe das alles erst retrospektiv gemerkt. Wer die "Club 2"-Sendungen mit ihr gesehen hat, vergisst diese auch nicht mehr. Man hat das mit anderen Augen gesehen als jetzt, logischerweise.

Wie anders war dieser Blick? War er naiver?

Ich weiß nicht. Dass für Buben andere Regeln galten, war mir sehr früh klar. Wobei man mir als Kind schon immer sehr viele Buben-Eigenschaften zugeschrieben hat. Ich hab mich zum Beispiel gern geprügelt, ich habe herumkommandiert, ich hatte immer eigene Ideen und selten das gemacht, was man von mir verlangt hat, ich habe immer meinen Kopf durchgesetzt. Ich hörte damals oft: Wärst du ein Bub, wäre das alles o.k., aber als Mädchen geht das nicht.

Mit diesen genannten Eigenschaften haben Sie schließlich die richtigen Eigenschaften für den Beruf als Regisseurin mitgebracht, mit Ausnahme des Prügelns vielleicht.

Ja, das stimmt. Wobei ich einen Führungsstil am Set habe, der nicht so klassisch ist: Ich bin jemand, der gerne mit allen Departments spricht und möglichst alle am Set mit einbezieht. Aber am Ende stimmt das schon, dass ich diejenige bin, die die Entscheidungen trifft.

"Die Dohnal" ist wie ein Plädoyer für Gleichberechtigung. Was ist von Johanna Dohnal übrig geblieben?

Das begann noch vor ihrer Zeit in der Regierung, als sie sich für die Fristenlösung starkmachte und wir daher in Österreich heute eine ganz andere Regelung haben als etwa in Deutschland. Es gab die große Familienrechtsreform, ohne die gar nichts möglich gewesen wäre. Damals wurde der Mann als Oberhaupt der Familie abgeschafft, und Dohnal hat sich voll ins Zeug gehaut, das auch rechtlich komplett umzusetzen. Alle ihre Maßnahmen haben die Situation der Frauen verbessert. Es ging um Selbstbestimmung und um die Verhinderung von Gewalt gegen Frauen damals.

Im Film kommt gut heraus, dass Dohnal die Grundsteine für viele Entwicklungen gelegt hat. Der Prozess, den sie begann, ist noch lange nicht abgeschlossen.

Natürlich nicht. Es gibt Meilensteine, die ungeklärt sind, etwa die Frage, warum es hauptsächlich Frauen sind, die in den Familien die unbezahlte Arbeit machen. Ohne diesen Umstand auszugleichen, kann es niemals eine Gendergerechtigkeit geben. Die Idee, dass Familienarbeit, Pflegearbeit oder Erziehungsarbeit kein Privatvergnügen ist, sondern, dass das Teil der Gesellschaft ist, der auch bezahlt oder entlohnt werden muss, da hat Dohnal wahnsinnig wichtige Grundsteine gelegt.

Unbezahlte Kinderbetreuungszeiten zumindest als Versicherungsjahre in die Pension einzurechnen, wäre schon ein Anfang, gegen diese Ungerechtigkeit vorzugehen.

Das sehe ich genauso. Und das wird uns irgendwann auf den Kopf fallen. Denn Altersarmut wird ein großes Thema werden. Ich sehe das bei vielen Freundinnen, die bald in Pension gehen. Im Freundeskreis gibt es bei mir heuer so viele Hochzeiten wie noch nie. Ich komme ja aus einer Generation, in der man nicht geheiratet hat, und jetzt merkt man: Aha, die Altersarmut klopft an!

Dohnal wurde lange angefeindet, gerade von der Männerwelt.

Man kann diesen Job nur machen, wenn man wirklich eine Mission hat. Und diese Mission hatte sie als Politikerin. Sie wollte nicht berühmt werden durch die Politik, sondern sie wollte schlicht, dass die Frauen ein besseres Leben haben. Dafür hat sie alles getan und legte sich mit den Leuten in der eigenen Partei genauso an wie mit kritischen Männern. Sie war aber auch bei den Leuten draußen und hat die Putzfrau gefragt, wie es ihr geht. Sie saß nicht in einem Elfenbeinturm, sondern wollte vor Ort sehen, was geändert gehört.

Haben Sie Hoffnung, dass Türkis-Grün Weichen stellen kann für eine Verbesserung in der Frauenpolitik?

Was jetzt vorgelegt wurde, ist eher die völlige Hoffnungslosigkeit. Frauenpolitik findet derzeit nur im Kino statt, in meinem Film. Die einzige Hoffnung ist, dass es in der Regierung ein paar Frauen gibt, die beweisen, dass man Frauen auch in Führungspositionen setzen kann. Ein Hoffnungsschimmer ist das. Aber das heißt noch nicht, dass diese Frauen etwas für andere Frauen tun. Die derzeitige Frauenministerin zeigt wenig Bewusstsein für eine gleichberechtigte Gesellschaft. Das hat mit dem veralteten Familienmodell zu tun, an dem diese Politikerinnen festhalten. Und damit, dass es hier Frauen gibt, die aus ihrer Gesellschaftsschicht heraus entscheiden. Sie schätzen die Politik aus der Schicht ein, aus der sie stammen.

Wie genau meinen Sie das?

Frau sein, ist eine Sache. Wenn du aus einer Gesellschaftsschicht kommst, die abgesichert ist, dann ist das Frausein weniger ein Problem. Für Johanna Dohnal war ganz wichtig, sich für die einfachen Frauen einzusetzen, weil sie diese Verhältnisse von ihrer einfachen Herkunft auch gekannt hat. Sie hatte eine hohe Intelligenz und brauchte jemanden, der sie dieses Talent unter Beweis stellen ließ. Da hatte sie mit Bruno Kreisky einen idealen Förderer. Leute wie Kreisky und Willi Brandt, das waren halt noch Politiker, die im Ausland waren und die nach ihrer Rückkehr mit Ideen hierher kamen und wussten, dass die Gesellschaft der Zukunft eine gleichberechtigte sein muss. Wir wissen ja heute, dass die Klimakrise nicht zu bewältigen sein wird, solange es keine Gendergerechtigkeit gibt. Menschen, die das alles negieren und stets den wirtschaftlichen Fortschritt propagieren, leben im Vorgestern. Sie sind nicht am Puls der Zeit, weil sie geistig dieses Österreich nie verlassen haben. Und deshalb wollen diese Leute auch eine Mauer drumherum bauen, weil sie nichts anderes kennen als das.

Die Frage ist, ob ein grüner Einfluss in der Regierung solche Themen stärker forcieren kann.

Der türkise Teil dieser Regierung ist nicht wirklich an Demokratie interessiert. Dabei geht es nicht darum, dass es hier unterschiedliche politische Konzepte gibt, das muss ja so sein in einer Demokratie. Sondern es muss Menschen geben, die sich zu einer politischen Demokratie bekennen, aber das ist ja nicht der Fall, wenn ich an unseren Bundeskanzler denke. Der bekennt sich zu keiner Demokratie, sondern macht Message Control, lädt nur ihm genehme Journalisten ein, er will keinen Diskurs und keine Widerrede, er entzieht sich dem und macht Politik für die, die ihm den Wahlkampf bezahlt haben. Diese Art finde ich wahnsinnig gefährlich. Für mich geht es heute um grundsätzliche Dinge, und ein Bekenntnis zur Demokratie gehört dazu. Damit sind wir wieder bei Johanna Dohnal: Es geht auch darum, dass man sich zu den Menschenrechten bekennt. Damit fängt alles an: Wenn ich keine gendergerechte Politik mache, dann halte ich die Menschenrechte nicht ein. Denn dann werden Menschen wegen ihres Geschlechts benachteiligt. Ganz einfach. So simpel ist die Welt.