Nicht erst seit dem Aus für das traditionsreiche Wiener Bellaria Kino Ende 2019 gibt es eine Debatte zur Zukunft von Wiens kleinen Einsaal- und Traditionskinos. Ein paar Lichtspielhäuser hat die Stadt noch, bei denen die Tradition weit zurück an den Anfang des 20. Jahrhunderts reicht. Das Bellaria war eines von ihnen, die Breitenseer Lichtspiele und das Admiralkino zählen ebenfalls dazu. Die Herausforderungen für diese und andere kleine Kinos sind mannigfaltig: Das alte Stammpublikum stirbt langsam aus, die jungen gehen - wenn überhaupt - lieber in die Multiplexe der Shopping-Center. Auch Netflix & Co. bringen Einbußen, weil viele lieber daheim streamen, anstatt ins Kino zu gehen.

Gründe genug für Michaela Englert, die Geschäftsführerin des Admiralkinos, unter dem Titel "Wie geht es weiter mit den Wiener Kinos?" am Mittwoch, den 19. Februar, über die Risiken und Chancen für die Lichtspielhäuser zu debattieren, und zwar in einer hochkarätigen Besetzung: Am Podium werden ab 15 Uhr unter anderem die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, Haydn-Kinobesitzer Christian Dörfler, die Nationalratsabgeordnete Eva Blimlinger von den Grünen und Englert selbst auftreten.

Notbremse ziehen

Englerts Initiative bekam zwar mit der überraschenden Schließung des Bellaria im Dezember (die "Wiener Zeitung" berichtete) eine besondere Brisanz, ursächlich war sie jedoch nicht. "Bei mir kam es schon im Sommer 2019 zu einer finanziellen Abwärtsspirale", sagt Englert. "Ich musste die Notbremse ziehen, sonst hätte ich schließen müssen." Damals angefragte Termine bei Stadt und Bund kamen nicht zustande. Bei der Stadt Wien gibt es inzwischen eine neue Initiative, die die Kinoförderung verdoppeln will, beim Bund hingegen würde sie seit jeher abblitzen. "Seit zehn Jahren erkenne ich keinen politischen Willen seitens des Bundes zu den Programmkinos", sagt Englert, die ihren Betrieb vorerst dank der Mittel der Verwertungsförderung der Filmschaffenden weiterführen konnte.

Wie sieht das also nun aus mit der neuen Programmkinoförderung für Wien? Am Beispiel des Admiral werden aus 12.000 Euro Unterstützung pro Jahr nun 14.000 Euro. Zusätzlich kann man Rechnungen für die spezielle Programmierung von Sonderreihen und Schwerpunkten in einer Höhe von bis zu 10.000 Euro abschreiben. "Man bekommt mit 24.000 Euro also das Doppelte wie bisher", sagt Englert, "jedoch kann ich auch damit nicht seriös meine 2,5 Mitarbeiter bezahlen. Im Sommer zusperren ist auch keine Option, denn die Fixkosten wie Miete und Mitarbeiter bleiben ja."

Das Grundproblem, das weiß jeder in der Branche, liegt am grundsätzlichen Verständnis von der Kunstform Film. Das Kino wird immer noch als Wirtschaftszweig gesehen, beim Theater ist die Kunst über allem erhaben und wird nicht infrage gestellt.

"Ich erinnere mich noch an die Schließung des Erika Kinos im Jahr 1999. Dort ist jetzt ein Theater drin. Oder das Star Kino, wo ich mir in den 80er Jahren mein ganzes Filmwissen aneignete. Auch das ist ein Theater. Bei den Theatern setzt niemand voraus, dass die wirtschaftlich agieren müssten", meint Englert. "Es muss ja nicht derselbe politische Wille sein wie beim Theater, aber man könnte Programmkinos als kulturelle Nahversorger begreifen, bei denen nicht alles Gewinn abwerfen muss."

Mainstream statt Arthouse?

Die Realität ist: "Als Programmkino auch künstlerisch wertvolle Filme zu zeigen, die vielleicht nicht so viele Zuschauer ansprechen, das muss man sich erst mal leisten können." Inzwischen spiele Englert im Admiral auch durchaus US-Mainstream-Filmware, natürlich solche mit Anspruch, wie kürzlich "Little Women". "Der programmliche Spagat wird immer breiter: Publikumslieblinge, die die Hütte voll machen, sind angesagt, das machen jetzt alle so", sagt Englert. "Unbequemes Kino bleibt indes auf der Strecke und dünnt im Kinobetrieb mehr und mehr aus."

Die Situation der Kinos in Wien ist ohnehin schon speziell: 85 Prozent aller Kinos gehören zur Constantinfilm-Gruppe, die auch in Gesamt-Österreich Marktführer ist und in einigen Häusern wie Urania oder Actors durchaus Arthouse-Kino programmiert. Die heimischen Verleiher Polyfilm und Filmladen wiederum, die sich auf anspruchsvolles Kino konzentrieren, haben sich eigene Spielstätten aufgebaut. Polyfilm bespielt das Filmcasino und das Filmhaus am Spittelberg, Filmladen das Votivkino und das DeFrance. Auch der Verleih des Stadtkinos hat mit dem Stadtkino im Künstlerhaus ein eigenes Lichtspieltheater und bespielt auch das Gartenbau. Bleiben die kleinen Einzelkämpfer wie Admiral, aber auch Topkino oder Haydn. Letzteres hat sich als eines der letzten eigentümergeführten Kinos auf Filme in Originalfassungen spezialisiert; eine Marktlücke, die auch das Burg Kino besetzt.

Spezialisierung zum Überleben

Spezialisierung ist also angesagt. Für Englerts Admiralkino geht die programmliche Ausrichtung in Richtung Frauen. "Frauenfilme für ein weibliches Publikum, für Frauen in meinem Alter, die noch gelernt haben, ins Kino zu gehen, und die daran große Freude haben", sagt Englert. Die Diskussion über die Zukunft der Wiener Kinos im Admiralkino soll jedenfalls ein erster Schritt sein, die Probleme und Ideen zu artikulieren. Zumindest die Wiener Stadtregierung hat hierfür ein offenes Ohr, wie man im Rathaus betont. Und auch für das Bellaria gibt es noch Hoffnung mit etlichen Bewerbern. Problematisch dürften hier allerdings die neuen Mietverträge werden, die dem Vernehmen nach ein Vielfaches der alten Miete betragen dürften.