Wüsten-Beifuß, so heißt er. Das ist das Gewächs, das in trockener Drahtigkeit wie ein Strohballen durch vereinsamte Western-Prärien weht, immer in Bodennähe mal von links nach rechts, mal andersrum. Es symbolisiert die totale Einöde: Da ist nicht mehr viel, weiß der Western-Held, der die Zigarette im Mundwinkel anzieht.

Da ist nicht mehr viel, das weiß auch der Berlinale-Besucher im Jahr 2020, wenn er über den Potsdamer Platz streift. Zwar sieht man die Wüsten-Beifüße noch nicht, dazu stimmen auch Jahreszeit und Vegetation nicht. Aber es wäre ein gutes Sinnbild, würde man die inzwischen schon 70. Berlinale mit einem Werbespot einleiten wollen. Wobei, Werbung ist das keine: Am Marlene-Dietrich-Platz vor dem Berlinale-Palast ist tote Hose? Im Einkaufszentrum Arkaden, gleich daneben, haben nahezu alle Shops dichtgemacht. Was ist geschehen?

Die Arkaden, der Pulsmesser der um 2000 neu geschaffenen Vorzeige-Stadtkulisse, sollen renoviert werden. Hintergrund ist wohl der vor einigen Jahren am unweit gelegenen Leipziger Platz eröffnete Mega-Koloss "Mall of Berlin" mit dreimal so vielen Geschäften (aber keineswegs anderen) als in den Arkaden. Die zweihundert Meter Luftlinie Entfernung zwischen den Einkaufszentren sind selbst für eine Megacity wie Berlin mit ihren 3,6 Millionen Einwohnern ein klarer Fall von Überangebot. Was die Arkaden angeht, träumen die Betreiber von einer Renovierung mit offenen Dächern und begrünten Wänden, alles öko und bio, und ab April soll renoviert werden. Aufgesperrt wird dann irgendwann 2021. Aber man kennt das ja: Der BER-Hauptstadtflughafen wartet schon fast ein Jahrzehnt auf seine Öffnung.

Geisterstadt Potsdamer Platz

Wie dem auch sei: Die verwaiste Umgebung am Potsdamer Platz setzt sich auf der anderen Straßenseite fort: Dort hat mit 1. Jänner 2020 auch das im Sony Center befindliche Multiplexkino Cine Star für immer seine Pforten geschlossen - das Eingeständnis von Sony, nicht einmal das eigene Kino im eigenen Haus wirtschaftlich führen zu können. Damit ist auch ein traditionelles Berlinale-Kino gestorben, das eine Lücke in den Festivalbetrieb am Potsdamer Platz reißt. Im Raum steht seit Jahren ein demnächst bevorstehender genereller Schauplatzwechsel des gesamten Festivals, weg vom Potsdamer Platz, rüber in den Westen, vielleicht zum Zoo Palast. Das wäre jedenfalls der endgültige Beweis vom Scheitern dieses Großprojekts der Stadtentwicklung nach der Wende: Der Potsdamer Platz sollte in seinem wiederaufgebauten, modernen Look so etwas wie die Hauptschlagader Berlins werden. Die Berliner selbst mochten ihn nie, die Touristen liebten ihn wegen der Mauernostalgie, die Berlinale-Besucher wegen des bunten Multikulti-Mixes auf historischem Boden. Tatsächlich hat die Berliner Städteplanung an diesem Standort offenbar völlig versagt. Imposanz ohne langfristige infrastrukturelle Unverzichtbarkeit führt zwangsläufig zu einer Vergeisterung, selbst in pulsierenden Millionenstädten.

Es ist schade, dass die Berlinale ihren 70er gerade vor dieser nunmehr etwas gespenstischen Kulisse feiern muss, und auch sonst ist dieser runde Geburtstag von allerlei tiefgreifenden Veränderungen geprägt.

Zum einen ist da das neue Führungsduo der Berlinale: Nach dem Abgang von Langzeitchef Dieter Kosslick 2019 installierte man mit der Holländerin Mariette Rissenbeek (die Frau für die Finanzen) und dem Italiener Carlo Chatrian (der Mann für die Kunst) ein Führungsduo, das gleich zur ersten Ausgabe mit einem eher trockenen Wettbewerb überrascht. Wobei: Überrascht sind nur diejenigen, die Chatrian bisher nicht kannten. Hatte der cinephile Festivalchef doch zuletzt das Filmfestival von Locarno in der Schweiz geleitet, das bekannt ist für seinen hohen künstlerischen Anspruch. Locarno ist die Experimentierwiese der Welt-Avantgarde und des Kunstkinos, und dieses Rezept scheint Chatrian nun auch auf die Berlinale übertragen zu wollen, anders ist sein durchwegs anspruchsvoller Wettbewerb nicht zu erklären. Mainstream-Firlefanz wie Kosslicks Reihe "Kulinarisches Kino" (Kosslick ist ein Feinschmecker) hat Chatrian gleich einmal gekillt, ebenso wie Filme, die im Wettbewerb "außer Konkurrenz" liefen. Eine neue Reihe heißt "Encounters", eine Art zweiter Wettbewerb wie in Cannes die Reihe "Un certain regard". In "On Transmission" präsentiert Chatrian sieben Regisseure, die alle schon bei der Berlinale ihre Filme gezeigt haben und ihrerseits sieben Regisseure benennen sollen, deren Filme auf der Berlinale gezeigt werden sollten.

Kurz vor der Berlinale tauchte dann ein Problem aus der Vergangenheit auf. Die Berlinale verleiht seit Jahrzehnten den Alfred-Bauer-Preis (ein Preis für innovative Filmkunst), benannt nach ihrem langjährigen Festivalchef, der die Berlinale 1951 dereinst aus der Taufe hob. Jetzt stellte sich heraus, dass Bauers Rolle im Film- und Propagandaministerium von Joseph Goebbels doch größer war als bekannt; die Berlinale setzt den Preis zunächst einmal aus und verleiht stattdessen einen Spezialpreis zum 70er der Berlinale.

Stammgäste kommen

Der Wettbewerb, er besteht zu einem Gutteil aus den Arbeiten eher entlegenerer Filmemacher. Klar, es gibt auch (nicht unanspruchsvolle) Stammgäste wie Christian Petzold, der hier "Undine" zeigt, der Paula Beer, frei nach Ingeborg Bachmanns Vorlage, auf der Suche nach Liebe durch Berlin schickt. Oder Sally Potter, zuletzt 2018 mit der Politfarce "The Party" hier: Sie zeigt mit "The Roads not Taken" ein Drama rund um einen Demenzkranken (Javier Bardem) und seine Tochter (Elle Fanning). Auch Kelly Reichardt ist wieder dabei, mit ihrem Film "First Cow". Eine Sozialkomödie aus Frankreich ("Delete History"), eine Annäherung zwischen zwei Männern aus Thailand ("Days"), ein argentinischer Horrorfilm der Töne und Geräusche ("Intruder"), ein Film über das ländliche Amerika ("Never Rarely Sometimes Always") oder schwarz-weiße Liebe von Nouvelle-Vague-Rebell Philippe Garrel ("The Salt of Tears") werden von Chatrian ebenso programmiert wie Filme aus Südkorea, Italien, der Schweiz oder der Ukraine. Für Aufsehen dürfte (außerhalb des Bewerbs) das Projekt "DAU. Natasha" sorgen, das über zwei Frauen in das Herz eines totalitären Systems blickt und für das mehr als 700 Stunden Material gedreht wurden, weil es Urheber Ilya Khrzhanovskiy auch als Kunstprojekt angelegt hat. Man könnte seiner guten Laune anhand dieser Filme durchaus verlustig gehen, muss aber auch sagen: Künstlerisch gewagter war die Berlinale selten - und sie behält, so lässt sich vor Beginn sagen, durchaus ihren Anspruch, ein politisches Festival zu sein.

Aber auch Glamour muss sein: So steckte Chatrian alle mainstream-tauglichen Filme unter den Hut der "Special Galas". Eine solche ist auch der Eröffnungsfilm "My Salinger Year", in dem Sigourney Weaver über den roten Teppich läuft und Jurypräsident Jeremy Irons abbusseln wird. Außerdem haben sich Cate Blanchett, Roberto Benigni (mit seiner "Pinocchio"-Verfilmung) und Hillary Clinton angesagt. Die ehemalige Präsidentschaftskandidatin wird hier in der vierstündigen Doku "Hillary" gefeiert.

Dass die Säle wegen der nicht mehr vorhandenen Infrastruktur leer bleiben werden, davon ist also auch dank etlicher Stars nicht auszugehen. Bei den Ticketschaltern in den Arkaden - traditionell einer der belebtesten Vorverkaufsstellen für die Berlinale - herrschte in den letzten Tagen so großer Andrang wie eh und je. Nur, so sagt ein Berliner Ehepaar, das schon seit 20 Jahren hier die Tickets kauft, der Coup Dänemark im nunmehr geschlossenen Eiscafé im ersten Stock ist nun leider nicht mehr Teil des Rituals beim Ticketkauf der beiden. Sie haben sich dieses Jahr eine Schachtel Eiskonfekt von Aldi mitgebracht.