Ungewöhnlicher Auftakt zur 70. Berlinale mit einer persönlichen Erklärung des Jurypräsidenten: Jeremy Irons hat sich zu Beginn der Internationalen Filmfestspiele in Berlin (von 20. Februar bis 1. März) gegen die Unterdrückung von Frauen und für sexuelle Selbstbestimmung ausgesprochen.

Mit seiner Erklärung wolle er frühere Äußerungen klarstellen und hoffe, dass diese nicht vom weiteren Festivalgeschehen ablenkten, sagte der 71-Jährige bei der Vorstellung der Jury am Donnerstag vor Journalisten. Zuletzt hatte es Kritik an älteren Aussagen des britischen Schauspielers zum Umgang mit Frauen gegeben.

Er unterstütze die weltweite Bewegung für die Rechte von Frauen und dafür, sie gegen missbräuchliche Belästigungen zuhause und am Arbeitsplatz zu schützen. In vielen Ländern seien heute Menschen in Haft, die sich für solche Rechte einsetzten. Irons ("Nachtzug nach Lissabon") warnte aber davor, politische Maßstäbe bei der Bewertung der Filme durch die Berlinale-Jury anzulegen. "Was zählt, ist die Story und die Arbeit der Schauspieler."

Bis 1. März zeigt die Berlinale rund 340 Filme. Dabei konkurrieren 18 Produktionen um den Goldenen und die Silbernen Bären, heuer allerdings keiner aus Österreich. Eröffnet wird das Festival am Abend mit der Buchverfilmung "My Salinger Year". Regisseur Philippe Falardeau erzählt darin vom Literaturbetrieb im New York der 1990er Jahre rund um den Autor J.D. Salinger ("Der Fänger im Roggen"). Der Film läuft nicht im Wettbewerb, geht also nicht ins Preisrennen. Am roten Teppich wurden unter anderem US-Filmstar Sigourney Weaver und Jurypräsident Irons erwartet.

Jede Menge Hollywood-Prominenz erwartet

Zur diesjährigen Berlinale feiern der Italiener Carlo Chatrian und die Niederländerin Mariette Rissenbeek ihre Premiere als neue Festivalleitung. Der frühere Chef des Festivals von Locarno und die Filmmanagerin folgen dem langjährigen Direktor Dieter Kosslick. Erwartet werden in diesem Jahr etwa die Hollywoodstars Johnny Depp und Cate Blanchett, US-Politikerin Hillary Clinton und Oscar-Preisträgerin Helen Mirren.

Auch der brasilianische Regisseur und Jurymitglied Kleber Mendonca Filho schlug politische Töne an: Er halte angesichts der Lage in seinem Land unter Präsident Jair Bolsonaro an seiner Freiheit fest, Filme zu drehen, wie er es für richtig halte. Im vergangenen Jahr hatte er mit seinem Film "Bacurau" einen der beiden Publikumspreise gewonnen.

Im Moment lägen 600 Projekte für Film und Fernsehen in seinem Land auf Eis, behindert von bürokratischen Hürden, sagte Mendonca Filho. Er dankte dem Berlinale-Präsidenten Chatrian, dass dieser zuvor die kritische Lage des brasilianischen Films angesprochen habe. Zuletzt hatte der rechtspopulistische Präsident Bolsonaro die bisherige Filmförderung in seinem Land kritisiert und sich gegen Filme ausgesprochen, "die nur eine Minderheit interessieren".

Kurz vor Beginn der Filmfestspiele war die NS-Vergangenheit des ersten Berlinale-Chefs Alfred Bauer (1911-1986) in einem "Zeit"-Artikel thematisiert worden. Bauer sei ein "hochrangiger Funktionär der NS-Filmbürokratie" gewesen. Bauer habe für die Reichsfilmintendanz gearbeitet, später soll er seine Rolle verschwiegen haben. Die Berlinale setzte daraufhin den nach Bauer benannten Preis aus und will nun die Vorwürfe wissenschaftlich untersuchen lassen. (dpa)