Die Berlinale ist eröffnet, und die Auftaktveranstaltung im Berlinale-Palast am Marlene-Dietrich-Platz geriet am Tag nach dem Terrorakt in Hanau mit elf Toten auch zum kollektiven Schulterschluss gegen Rechts: Zahllose Stars und Sternchen des deutschen Kinos äußerten sich am roten Teppich zu der Wahnsinnstat, und auch im Saal wurde gemahnt: So ist Deutschland nicht. Und so ist Berlin nicht. Und das Kino kann das alles sowieso reflektieren, wenn nicht gar vergessen machen.

Großveranstaltungen haben es immer schwer, sich aktuellen politischen und nachrichtlichen Ereignissen gegenüber korrekt zu verhalten, man darf nicht zu viel, aber schon gar nicht zu wenig darauf eingehen; die Kultur darf nicht im Elfenbeintrum sitzen. Und eine lange geplante Gala in nur einem Tag umzuschmeißen, ist auch kein Kinderspiel. Aber die Berlinale hat das schließlich mit Feingefühl gelöst.

Bei der 70. Berlinale ist heuer alles ein bisschen anders und neu, das beginnt schon am Beginn: Statt Urgestein Anke Engelke moderiert diesmal Samuel Finzi, "mit Migrationshintergrund aus Bulgarien". "Hanau"-Zwischenrufe brachten den Moderator zusehends durcheinander, das Heft in der Hand hatte er an diesem Abend jedenfalls nicht. Und auch das Revuepassieren der bewegten politischen Berlinale-Geschichte mit modernen Beats unterlegt brachte die Show nicht unbedingt auf die für diesen Abend erwartete Understatement-Temperatur.

Nora Waldstätten, Iris Berben und Lena Meyer-Landrut waren auch Premierengäste - © Katharina Sartena
Nora Waldstätten, Iris Berben und Lena Meyer-Landrut waren auch Premierengäste - © Katharina Sartena

Dann aber die Wende: Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, das neue Führungsduo, forderte die Gäste zu einer Schweigeminute für die Hanau-Opfer auf. "Wir stehen hier als Gemeinschaft, und das ist das, was das Kino auszeichnet. Da gibt es keine Unterschiede zwischen Sprache, Rasse, Religion. Das Kino bringt uns zusammen", sagte Charlo Chatrian. "Wenn ich zurückschaue in der Geschichte der Berlinale, sehe ich, dass das Kino den Menschen hier in der Stadt immer etwas gegeben hat, was essentiell ist: Es gibt den Stoff zum Träumen. Und das ist das wichtigste. Wir schauen auf diese 70 Jahre Festivalgeschichte als etwas ganz Wertvolles".

Dann die deutsche Kulturministerin Monika Grütters: "Trotz allem verdient sich die Berlinale eine glanzvollen Auftritt. Deutschland hat die Freiheit der Kunst aus einem wichtigen Grund in den Verfassungsrang gehoben. Dass Künstler verborgenes Sichtbar machen können". Nachsatz: "Niemals darf es eine politische Zusammenarbeit mit diesen rassistischen und völkischen Kräften geben, bei uns nicht und nirgendwo." Es gibt Standing Ovations.

Einheit beschwören, das ist in Zeiten wie diesen besonders wichtig. Alle gemeinsam sind wir stark, und diese Parole gibt das neue Führungsduo mannigfach aus: Neue Stimmen des Weltkinos im Programm, neue Programme, wo gemeinsam Nachwuchs gefördert wird, neue Programmschienen mit Entdeckungen; man wird sehen, wie diese 70., ambitioniert begonnene Berlinale am Ende bemessen wird.