Die Geschichte wird mich freisprechen!", schreit das Känguru gerne, wenn es sich wieder einmal wegen irgendwelcher Kinkerlitzchen vor dem Richter findet. Doch diesmal hat das Beuteltier Glück. Im Film "Die Känguru-Chroniken", der Anfang März in die Kinos kommt, bleiben von den Anklagepunkten nur ein Verstoß gegen die Tierhalterpflichten übrig. Der Halter - Marc Uwe Kling - muss zahlen, das Beuteltier geht frei.

Das Känguru, von dem hier die Rede ist, ist längst breiteren Schichten bekannt. Denn nach vier Büchern, ebensovielen grandios vom Autor gesprochenen Hörbüchern, unzähligen Lesetouren und Auftritten hat es die pelzige Verkörperung des letzten aufrechten Kreuzberger Kommunisten vom wohlmeinenden Geheimtipp in den Mainstream geschafft. Nachdem sich die Bücher wie warme Semmeln verkauften, kam es, wie es im Kapitalismus eben kommt. Ein "Verlag des Großkapitals" (Känguru) nahm sich die Sache zur Brust und schon gibt es von Stoffbeutel über Kartenspiel (grandios witzig: "Halt mal Kurz") bis zum Zitatkatalog mit falsch zugeordneten Zitaten, alles was der Fan begehrt.

Das kommunistische Känguru ist im Deutschland des Spätkapitalimus derart beliebt, dass das linke "Neue Deutschland" kürzlich angepisst fragte, ob man "den ahnungslosen Agenten eines linksliberalen Neobiedermeiers" noch witzig finden darf. Gönnerhaft kommt man jedoch zum Schluss, dass man den Autor Kling "einfach weiter einen guten reichen Mann sein lassen soll - sein ihn lebenslänglich verfolgendes schlechtes Gewissen ist Strafe genug".

Gegen die Gentrifizierung

Wie Kling zum Känguru kam, wird im ersten Buch "Die Känguru-Chroniken" schnell erklärt. Das Beuteltier läutet eines Tages an der Türe von Klings Kreuzberger Wohnung und will sich Eier ausborgen, weil es sich Eierkuchen machen will. Leider hat es auch kein Öl, Mehl, Salz und keine Pfanne. Auch einen Herd hat es natürlich nicht. Und so geschieht es: Das Känguru zieht ungefragt bei Kling ein und lebt dort seitdem mietfrei. Denn es ist schließlich Kommunist.

Fragen nach Besitzverhältnissen pflegt es ohnehin mit der Phrase "Ach! Mein, Dein, - das sind doch bürgerliche Kategorien" abzutun. Kling betätigt sich seitdem als Chronist des Tieres, das von sich behauptet, beim Vietkong gekämpft zu haben und sich mit der Planung der Weltrevolution beschäftigt ("Wir landen in einer Nacht- und Nebelaktion auf Usedom, sickern durch die Uckermark ins Landesinnere und verschanzen uns erstmal im Harz. Das Überraschungsmoment wird auf unserer Seite sein").

Im Film, der am 5. März anläuft, wird diese Vorgeschichte ohnehin nur gestreift. Denn Kling hat den sattsam bekannten Episoden eine Rahmenhandlung spendiert. Der rechte Baulöwe Jörg Dwigs (herrlich diabolisch: Henry Hübchen) will neben Klings abgegrindetem Mietshaus einen gigantischen Büroturm errichten. Noch dazu finanziert vom Geld der internationalen Alt-Right-Elite. Klar, dass das Känguru, Kling und seine Freunde das nicht zulassen können. Der Wahnwitz der Gentrifizierung muss gestoppt werden, wobei wir ja wissen dass "die, die wissen was Gentrifizierung ist, auch ganz oft für diese verantwortlich sind".

Manker als "der Kopfdoktor"

Der Film unter der Regie von Dani Levy gibt den Figuren, die in den Büchern ungestört ihr Dasein fristen, erstmals Gesichter. Das Känguru selbst ist exzellent animiert. Die Figur des Kleinkünstlers Marc-Uwe Kling wird gespielt von Dimitrij Schaad, der einen leicht unbeholfenen, migränegeplagten Slacker gibt. Dass Kling nicht wie Kling klingt, sondern wie Schaad, ist der wohl störendste Teil der Verfilmung. Dennoch ist die Besetzung teils wirklich herausragend: So wird der alkoholschwere Wiener "Kopfdoktor", bei dem Kling aufgrund der Känguru-Eskapaden in Therapie geht, von einem grandiosen Paulus Manker gespielt. Der Doktor ist überzeugt davon, dass sich Kling das Tier nur einbildet - bis es in seiner Praxis steht. Die folgende Dekompensierung des Therapeuten gehört zu den witzigsten Momenten im Film. Auch die kauzige Berliner Kneipenwirtin Herta (Carmen Maja Antoni) - "Du bist hart, aber ich bin Herta!" sowie Marc-Uwes Schwarm Maria (Rosalie Thomass) sind ausgesprochen gelungen besetzt.

Dass der 1982 in Stuttgart geborene Liedermacher und Autor Kling mit den Texten vom Känguru, die ihren Ursprung in einem Radio Podcast aus dem Jahr 2008 haben, so erfolgreich ist, lässt sich aus der Geschichte Klings erklären. Der selbsterklärte "Wirtschaftsflüchtling aus Baden-Württemberg" ("Es gab da so viele Arbeitsplätze - fast hätte ihn einer erwischt") zog sich zum Studium der Theaterwissenschaften nach Berlin zurück. Dort konnte er in einer der härtesten Bühnen-Schulen reüssieren: Er gewann mehrere Poetry-Slam-Meisterschaften. Die Brillanz in Timing und Rhythmik der vorgetragenen Texte sprechen Bände. Nach einem Radiopreis für den Podcast erschienen ab 2011 "Die Känguru-Chroniken", "Das Känguru-Manifest" sowie "Die Känguru-Offenbarung". 2018 legte Kling "Die Känguru-Apokryphen" nach, mit dessen Comedy-Material zu weitem Teile der Plot des Films bestritten wird.

Doch von Kling erschienen auch mehrere ausgesprochen gute Kinderbücher. Das "NEINhorn" etwa, eine Geschichte um ein Einhorn, dass es satt hat, rosa und plüschig zu sein. Auch das Buch "Der Tag an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat" darf in keiner Kindergarten-Büchersammlung mehr fehlen. 2017 erschien Klings "lustige Dystopie" QualityLand, eine gar nicht unrealistische Zukunft, die die Allmacht der Digitalkonzerne aufs Korn nimmt. So wird man in Qualityland von "The Shop" automatisch mit Dingen beliefert, von denen der Algorithmus weiß, dass man sie will. 2019 wurde bekannt, dass HBO eine Serienadaption des Romans plant.

Schankedön!

Doch diese schnöden Aktivitäten des Großkapitals lehnt das Känguru natürlich strikt ab. Das Beuteltier ist sozusagen Klings linkes Gewissen, wenn er etwa einen lukrativen Werbedeal nicht unterschreibt, weil das Känguru mit Auszug droht ("Hier ist die Linie! Und da bist Du!!"). Wenn Kling vielleicht nicht der größte linke Intellektuelle Deutschlands ist, ist er wohl zumindest mit Abstand der Witzgste. Darauf noch eine Prapsschnaline, pardon - Schnapspraline. Schankedön!