Zwei freigelegte Skelette, die Händchen halten. Dann ein Flashback in eine unwirtliche Gegend, die Rückkehr von Regisseurin Kelly Reichardt an den Oregon Trail, den sie schon in in "Meek’s Cutoff" besuchte und den sie erneut auf seine Pioniere hin untersucht, auf Menschen in Wäldern, die auf der Flucht sind, die Handel treiben, die Kekse backen. "First Cow" ist Kelly Reichardts Rückkehr in den Wettbewerb um den Goldenen Bären und basiert auf dem Roman "Half Life" von Jonathan Raymond. Der Koch von Pelzfängern findet in den 1820er Jahren in Oregon einen Fremden im Wald, der allerdings kein Ureinwohner ist, sondern ein Chinese, seinerseits auf der Flucht vor Russen. King-Lu nennt sich der Mann, der sich fortan den Pelzfängern anschließt, um in der Gruppe Schutz zu finden. Irgendwann ist er gut integriert, man beschließt, Buttermilchkekse zu backen, und die dafür nötige Milch melkt man nachts bei der einzigen Kuh weit und breit, die einem englischen Grundbesitzer gehört. Das "Ölbrot" kommt bei den Käufern am Markt sehr gut an, King-Lu übernimmt bald den Verkauf. Frühe Strukturen von Wirtschaft zeichnen sich ab.

Es ist ein Blick zurück in die amerikanische Frühgeschichte, über Landstriche, die man gemeinhin den "Westen" genannt hat. "Der Film bildet nur ein Segment ab aus dem Roman, der ja mehrere Jahrhunderte überspannt", erzählt Kelly Reichardt bei der Pressekonferenz in Berlin. Die Regisseurin gilt als eine der interessantesten Filmkünstlerinnen der US-Gegenwart. "Es ging mir bei ‚First Cow‘ vor allem darum, das Maskuline im Western zu erforschen. Es sind Handwerker, die in einer ruralen Umgebung der 1820er Jahre ihr Dasein fristen. Vielleicht war ich selbstsüchtig, ich wollte den Roman verfilmen, weil ich diese Typen darin so sehr mag. Außerdem ist es eine Einwanderungsgeschichte, und das passte mir auch gut", so Reichardt.

Die Geschichte, mit der Reichardt im Rennen um den Goldenen Bären steht, erzählt von einer lange vergangenen Zeit, zugleich berichtet sie von den sich formenden Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft. "Es sind sozusagen die ersten Schritte dieser Gesellschaft, die ich begleite: Allgemein geht es um Freundschaft, Gemeinschaft, um Beziehungen, auch zu Tieren", sagt Reichardt. "Für mich stand die Frage im Zentrum: Wie passen sich Menschen in eine Gesellschaft ein? Denn das ist die Frage, die wir uns auch heute immer wieder stellen müssen".