Es ist eine Sage, im an sich sagenlosen Berlin, die Christian Petzold zu seinem neuen Film inspiriert hat: Jene Sage von Undine, einem geheimnisvollen Wasserwesen, das ins Wasser zurück muss, weil ihr Geliebter sie verlassen hat. Bei Petzolds Undine handelt es sich allerdings vorderhand nicht um ein Sagenwesen, sondern um eine Berliner Museumsführerin, gespielt von Paula Beer. Sie ist eine Expertin, was Berlin und seine Sehenswürdigkeiten angeht, sie kennt auch alle unterirdischen Wasserwege und Sumpfgebiete, auf denen Berlin steht. Und es ist darob eine Geschichte, die auch vom Sumpf erzählt, und von einem Märchen, in dem das Mädchen das Opfer ist. Diese Undine findet im Film eine neue Liebe, die Museumsführerin findet einen Industrietaucher (Franz Rogowski), und wie schon in Petzolds letztem Film "Transit", spielen Beer und Rogowski wieder mit maximaler Zärtlichkeit und Hingabe; es ist Petzolds Idealbesetzung, die er schon beim Schreiben im Kopf hatte, wie er in Berlin betonte: "Ich kann erst richtig mit dem Drehbuchschreiben beginnen, wenn ich weiß, wer meine Figuren spielt. Dann gibt es einen Widerstand, den ich brauche beim Schreiben. Auch die Gegenden muss ich gesehen haben, bevor das ein Filmset wird. Dadurch reflektiert man die Welt anders", so Petzold über seine Arbeitsweise, die sich auch beim Dreh fortsetzt. "Ich sperre auch keine Straßen ab beim Drehen, das finde ich imperialistisch und scheiße und präpotent. Wir drehten für ‚Transit’ auch in Marseille ganz ohne Absperrungen, sodass die Stadt nicht ein zweites Mal durch Deutsche besetzt wurde".

Im Fall von "Undine" gab es die Herausforderung, etliche Szenen dieses Märchens auch unter Wasser zu drehen. Petzold ließ echte Unterwassersets bauen, anstatt auf Computertricks zurückzugreifen. "Wir mussten die Unterwasserwelt bauen, denn mit CGI sieht das schnell sehr tot aus und läuft drei Wochen später auf Tele 5. Ich halte es mit Scorsese, dass man die Sets bauen muss, denn es geht nicht nur um die Verzauberung des Zuschauers im Kino, sondern auch um die Verzauberung der Schauspieler am Set, die sich dann viel besser vorstellen können, was sie spielen, wenn sie es im richtigen Dekor machen". Vorbilder für Petzold waren Filme wie "20.000 Meilen unter dem Meer" oder "Creature of the Black Lagoon", wie er nicht ohne Schmunzeln anmerkte. "Ich liebe altes Hollywood-Kino".

Christian Petzold bei der Pressekonferenz in Berlin: "Die Berliner sind unfreundlich und haben schlechte Fußballclubs". - © Katharina Sartena
Christian Petzold bei der Pressekonferenz in Berlin: "Die Berliner sind unfreundlich und haben schlechte Fußballclubs". - © Katharina Sartena

Die Liebesgeschichte in "Undine" kann man auch als Liebeserklärung an Berlin lesen, wobei, ganz zulässig ist das für den deutschen Regisseur nicht. "Berlin-Mitte wirkt in diesem Film wie ein Nicht-Ort. Der Film ist eine Liebeserklärung an Berlin, aber es ist eine Liebe, die man sich erarbeiten muss. Berlin ist eine Stadt mit unfreundlichen Menschen und schlechten Fußballvereinen, aber diese Arbeit macht Spaß, diese Liebesarbeit".

Eingebettet hat Petzold seine Liebeserklärung in ein märchenhaftes Setting. Ist das nötig, um die Stimmung, die "Undine" ausmacht, zu transportieren? "Ich glaube schon", sagt Petzold. "Das Kino ist der Ort, an dem man die Welt zum Singen bringen kann. Und die Märchen tun das auch. Wenn die Märchen auf die Wirklichkeit treffen, schaffen es die Märchen, uns in eine Zeit zu versetzen, in der das Wünschen noch geholfen hat. Das ist durchaus auch politisch gemeint".