Zugegeben, das mit "Pinocchio" hat nicht wirklich hingehaut. Die Realverfilmung, die in Berlin außerhalb des Wettbewerbs gezeigt wurde, ist dank Roberto Benigni um keinen Schmäh verlegen, wenn er in der ihm eigenen Art den Geppetto spielt, also jenen Mann, der die hölzerne Puppe erschaffen hat, der beim Lügen die Nase wächst. Irgendwie zu real kommt dieses Armenmärchen von Carlo Collodi in Matteo Garrones Version daher, die comichafte Komponente, die man bei Disney vorfand und auch in der TV-Serie aus den 70ern, ist wie weggeblasen. Die Geschichte um den Holzbuben, die kurz nach Italiens Vereinigung vor mehr als 150 Jahren entstand, hat in dieser italienischen Neuverfilmung keinerlei bemerkenswerten Aspekt hinzugefügt bekommen, außer vielleicht, dass Pinocchio nun mit perfekt animierten Menschenaugen aus sich heraussieht.

Aber solche Filme muss der neue Berlinale-Chef Carlo Chatrian eben auch programmieren, weil sie den Mainstream repräsentieren, Stars herbringen nach Berlin. Ein Schelm, wer denkt, der Italiener Chatrian würde dabei speziell auf Geschichten achten, deren Genese in seiner Heimat liegen; das konnte man ihm schon als Chef von Locarno nicht vorwerfen.

Märchenhaftes Berlin

Immerhin hat Chatrian in seinem Wettbewerb bislang einige recht bemerkenswerte Filme gezeigt: Gleich zum Auftakt gab es mit "The Intruder" der argentinischen Regisseurin Natalia Meta eine von der Grundidee her interessante Arbeit: Sie mäandert um die Synchronsprecherin Inés (Érica Rivas), die ihre ganze Stimmgewalt zu verlieren droht, als ihr unsympathischer Freund vom Dach eines Hotels fliegt - von da an verfällt Inés in eine Abwärtsspirale, die ihre Psyche schwer traumatisiert; der Film arbeitet stark mit inszenatorischem Schnickschnack und bietet tolle Schauwerte. Die Eindringlinge, die Inés erobern wollen, machen ihn durchaus zum Psycho-Sex-Thriller.

Anders in Form zeigt sich Regisseurin Kelly Reichardt in ihrem spröden Western "First Cow". Sie scheint ihre Filme keineswegs so zu inszenieren, als ginge es ihr um Effekte oder um die Manipulation des Publikums. Die Figuren in "First Cow" sind allesamt aus der Zeit gefallen, exerzieren ihren Überlebenswillen in den 1820er Jahren in Oregon mit beinahe schon drolligen Aktionen; Reichardts Arbeit ist durchaus bemerkenswert.

Christian Petzold war der erste deutsche in diesem Wettbewerb und tischte mit "Undine" ein Berliner Märchen auf: Eine Museumsführerin (Paula Beer) verliebt sich in einen Industrietaucher (Franz Rogowski), und das Märchenhafte an diesem Film macht aus dem Unort Berlin dann doch eine reizende Kulisse, die auch unters Wasser führt. Die Sage von Undine, die den Mann töten muss, der sie verlassen hat, stand Pate für Petzolds Drama, das vielleicht nicht sein bester Film ist, aber mit Sicherheit einer seiner schönsten.

Typisch französisch mag man finden, was Altmeister Philippe Garrel mit "Le sel des larmes" ("Das Salz der Tränen") vorlegt: Grobkörniges Schwarzweiß, eine Pariser Straßenszenerie, ein junger Mann kommt mit Reisetasche an und geht zur Métro, bei einer Bushaltestelle sieht er eine junge Frau und lächelt sie an - und die Liebesgeschichte kann beginnen. Das alles ist sehr französisch und erinnert stark an die Nouvelle Vague, deren Kind Garrel irgendwie auch ist. Doch die Lovestory nimmt Wendungen, denn der junge Mann ist ein Rüpel, der Frauen verachtet und dem Garrel diesen Umstand nachsieht. Der Film wirkt, als stamme er aus einer lange vergangenen Zeit, er passt so gar nicht mehr in heutige Umgangsformen. Dass "Le sel des larmes" gut gespielt ist, hilft den schlechten Sympathiewerten des Films leider nicht.

Für Carlo Chatrian ist die erste Hälfte seiner Filmschau schon geschafft, seine Auswahl stellte sich bisher als solide dar, wenngleich die Überraschungen fehlten. Gut möglich, dass sich Chatrian die für die zweite Festivalhälfte aufspart, wenn die Stars abgereist sind und wieder mehr Platz in den Medien für die Filme ist.