Es ist eine typische britische Familie, könnte man glauben: Mutter, Vater, Sohn und Tochter. Beide Elternteile - Ricky und Abby - haben einen Mehr-als-40-Stundenjob, sind fleißig und engagiert, sorgen gemeinsam für das Auskommen der Familie. Das Auskommen? Es reichen zwei 14-Stunden-Jobs nicht, um ein würdiges Leben führen zu können. Es fehlt an allen Ecken und Kanten, und man ist noch dazu stark verschuldet. Denn Ricky muss, um als Franchise-Partner seine Ich-AG als selbstständiger Kurierfahrer überhaupt erst beginnen zu können, einen Lieferwagen anschaffen. Dafür wurde auch das Auto von Abby verkauft, die nun weite Wege öffentlich bewältigen muss: Denn sie pflegt alte Frauen, die weit verstreut im englischen Newcastle zu Hause sind.

Gemeinsames Familienleben gibt es keines: Die Eltern sind abends so erschöpft, dass die Obsorge für ihre Kinder zeitlich und auch bald energietechnisch kaum bewältigbar ist. Die zehnjährige Tochter beginnt wieder, ins Bett zu nässen. Der pubertierende Sohn, der auf keinen Fall so werden möchte wie seine Eltern, schwänzt immer öfter die Schule und verbringt seine Zeit lieber mit Sprayern auf der Straße. Ein Konflikt mit der Polizei ist die Folge. Die Abwärtsspirale für die ganze Familie beginnt sich immer schneller zu drehen.

Uriniert wird in eine Plastikflasche

Für Ricky erweist sich der Neueinstieg als Selbstständiger innerhalb kürzester Zeit ebenfalls als Bürde: Der Zeitplan seines Auftraggebers ist eng geknüpft. Es gibt Wunschlieferzeiten, aber jede Menge Staus, oder nicht vorhandene Lieferzonen verursachen Strafzettel. Auf die Toilette zu gehen, ist zeitlich nicht möglich, eine Plastikflasche muss herhalten. Um seine Tochter hie und da zu sehen, nimmt er sie am Wochenende (Erholungstage oder gar Urlaub gibt es nicht) mit auf die Tour, was ihm wiederum Ärger mit einem Kunden und infolgedessen mit dem Auftraggeber einbringt. Je mehr sich Abby und Ricky abrackern und bemühen, um so verfahrener wird ihre Situation. Sie sind Gefangene ihrer Jobs, ihres Alltags, des finanziellen Drucks. Eine Winterjacke für den Sohn zählt unter diesen Lebensbedingungen schon als eine gut überlegte Großausgabe.

Ken Loach, der 83-jährige Altmeister des britischen Sozialdramas, hat es mit "Sorry We Missed You" (Kinostart am Freitag) geschafft, ungeschminkt zu zeigen, was der Alltag vieler britischer Arbeiterfamilien bedeutet: Trotz Vollzeitjobs unter miserablen Arbeitsbedingungen können die Eltern aufgrund der Mindestbezahlung nicht für ihre Kinder sorgen. Eine erschütternde Tatsache.

Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Paul Laverty stellt Loach neben dem finanziellen Debakel den Zusammenhalt der Familie in den Mittelpunkt - ein Zusammenhalt, der oftmalige tiefe Verletzungen überstehen muss.

Loach braucht keine Schauspielstars, er setzt auf unbekannte Gesichter: Debbie Honeywood als Abby und Kris Hitchen in der Rolle des Ricky beeindrucken mit ihrer selbstverständlichen Natürlichkeit in ihrer Darstellung als liebevolle Eltern, die trotz ihres harten Lebens nicht ihre Menschlichkeit verlieren, auch wenn sie von den Zahnrädern des Neoliberalismus jederzeit zermalmt werden können. Das drohende Damoklesschwert macht den Zuseher zornig und wütend, man möchte es aufhalten. Doch ist das überhaupt möglich?