Wer immer am Ende dieser Berlinale den Goldenen Bären in die Höhe recken darf, es wird Kino sein, dass abseits gängiger Konventionen erzählt ist. Dafür hat Carlo Chatrian, der neue künstlerische Leiter, schon mit seiner Auswahl gesorgt. Dass zu Ende des Festivals noch ein handfester Skandal mit Preischancen hinzukommt, und auch ein deutscher Film mit großer Wucht, darauf hatten viele Kritiker hier gehofft, die sich in der ersten Hälfte des Festivals von zwar ambitionierten, aber letztlich durchwegs wenig aufregenden Filmen umgaben sahen.

Verbot in Russland

Hier kommt also der Berlinale-Skandal: Er heißt "DAU. Natasha", entstammt dem Hirn seines Masterminds Ilya Khrzhanovskiy und seiner Co-Regisseurin Jekaterina Oertel. Darin gibt es nicht nur jede Menge echten Sex mit blankem Blick auf allerlei Geschlechtsteile, was dem Regisseur in Russland durch die Zensur ein Verbot einbrachte - denn dies wäre "Promotion für Pornografie", und darauf stünden zwei Jahre Haft. Khrzhanovskiy führt deshalb gerade einen Prozess gegen den russischen Staat, wie er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" verriet. Dem noch nicht genug, erregte der mit Laiendarstellern besetzte "DAU. Natasha" auch Aufsehen, weil man es am Set der Produktion angeblich nicht sehr genau mit der Frauenwürde genommen haben soll, und sexuelle Übergriffe an der Tagesordnung gewesen wären. Immerhin involviert eine explizite, ausladende Szene nicht nur einen nackten Mann und eine nackte Frau, sondern auch noch eine Glasflasche, die man überaus exzessiv einsetzt. "Bei uns am Set wurde allen gesagt, worauf sie sich einlassen", gibt Co-Regisseurin Jekaterina Oertel zu Protokoll. "Und jedem Laienschauspieler und jeder Laienschauspielerin war klar, dass sie auch jederzeit abbrechen kann". Klingt schon nach ungemütlichen Dreharbeiten.

"DAU. Natasha": Ilya Khrzhanovskiy und seine Co-Regisseurin Jekaterina Oertel. - © Katharina Sartena
"DAU. Natasha": Ilya Khrzhanovskiy und seine Co-Regisseurin Jekaterina Oertel. - © Katharina Sartena

Seit 2007 arbeitet Khrzhanovskiy an der Verfilmung der Lebensgeschichte des Physikers und Nobelpreisträgers Lew Landau alias "Dau". Daraus entstand eine Kunstinstallation, bei der Hunderte Laiendarsteller in 50er-Jahre-Kleidung den Kommunismus Stalins nachstellten. Jetzt entstanden aus 700 Stunden Filmmaterial, gedreht von Kameramann Jürgen Jürges, gleich zwei Filme, die bei der Berlinale liefen, einer davon - "DAU. Natasha" - gar im Wettbewerb. Den Kernzweck des DAU-Projekts zu entschlüsseln, gelingt nicht einmal mehr Khrzhanovskiy selbst; er will mit größtmöglichem Realismus das totalitäre System seiner Heimat nacherlebbar machen, die Abgründe betonen, aus denen heraus Menschen handeln.

Jahrelanges Experiment

Hat "Berlin, Alexanderplatz" neu verfilmt: Der deutsch-afghanische Regisseur Burhan Qurbani. - © Katharina Sartena
Hat "Berlin, Alexanderplatz" neu verfilmt: Der deutsch-afghanische Regisseur Burhan Qurbani. - © Katharina Sartena

Im Zentrum steht Natasha (Natalya Berezhnaya), die 1952 in der Kantine einer Forschungseinrichtung arbeitet und sich immerzu mit ihrer Kollegin Olga zankt. Franzose Luc macht seltsame Strahlenexperimente an Arbeitern und schaut nach der Forschung auf ein paar Getränke vorbei, es sind so viele, dass er mit Natasha im Bett landet. Dann trinkt er mit Olga bis zu deren Erbrechen (das sehr real aussieht), was Natasha verzweifeln und einem KGB-Mann in die Arme fallen lässt, der sie nicht nur schlägt und demütigt, sondern ihr auch besagte Flasche vaginal einführt, weil sie mit Luc, einem Ausländer, angebandelt hat.

Es ist diese Miniatur, die wir nun aus dem drei Jahre lang andauernden Experiment zu sehen bekamen, und sie lässt Rückschlüsse zu, wie es sich angefühlt haben muss, in diesem Kunstprojekt dabei zu sein. Einige Mitarbeiter wurden monatelang von der realen Welt abgeschnitten am Drehort separiert, unter "sowjetischen Bedingungen", wie Beobachter erzählten. Die Filmfassung, die die Berlinale nun gezeigt hat, lässt nur vermuten, welch weiteren Dimensionen sich in den insgesamt 13 Filme umfassenden Zyklus noch auftun werden, sofern sie jemand zeigt. Filmisch, dramaturgisch und künstlerisch ist "DAU. Natasha" eine Fehlgeburt; ein Projekt von einer Größe, mit der sich sein Regisseur übernommen hat. Und auch ein Projekt, bei dem es ernsthafte Bedenken an den Umständen seines Zustandekommens festmachen lassen.

Für eine dramaturgische Wucht hingegen sorgte die Neuverfilmung von "Berlin, Alexanderplatz" nach der Romanvorlage von Alfred Döblin aus dem Jahr 1929, die Rainer Werner Fassbinder bereits 1980 als 14-teilige TV-Serie verfilmt hatte. Der in Deutschland geborene und aus Afghanistan stammende Regisseur Burhan Qurbani hat kein Remake vorgelegt, sondern die Geschichte ins Berlin des Jahres 2020 verlegt, mit allen gegenwärtigen Problemen und Nöten. In fünf Kapiteln und 183 Minuten steht das Schicksal eines illegalen afrikanischen Immigranten (Welket Bungué) im Mittelpunkt, der nach seiner Überfahrt über das Mittelmeer versucht, sich in Berlin trotz widriger Umstände als anständiger junger Mann zu integrieren. Regisseur Qurbani bleibt in seinem raffinierten, klug ausformulierten Drehbuch stets an seiner Grundidee dran, eine Parabel über Rassismus zu erzählen. Zugleich gelingt ihm eine in Farbe und Form unglaublich große Opulenz, ein großes Kino, wie es selten zu sehen ist in Deutschland. Hierfür könnte es am Samstag bei der Preisverleihung durchaus Anerkennung geben.