Der lange Schatten von Locarno, jenem Festival, das Neo-Berlinale-Chef Carlo Chatrian zuletzt verantwortete, hat sich am Ende doch auch bei der Preisvergabe in Berlin durchgesetzt, wo man am Samstag Abend überwiegend die hohe und die politische Filmkunst prämierte. Filme über das Böse, über Abtreibung, über Moral, über düstere Märchen - die Jury unter Schauspieler Jeremy Irons hat allen Kunstfilmern alles recht gemacht diesmal: Der Goldene Bär ging an "There is No Evil", ein Film aus dem Iran, der in vier Variationen Todesstrafe und moralische Kraft verhandelt. Lose verknüpfte Geschichten, die auf tragische Weise miteinander verbunden sind und weit über die filmische Qualität hinaus eine politische Dimension bekommen. Der iranische Regisseur Mohammed Rasoulof durfte nicht anreisen, weil er den Iran wegen einer Gefängnisstrafe nicht verlassen, sich aber im Land frei bewegen darf. Filmemachen ist ihm ebenfalls untersagt, Rasoulof tat es trotzdem und im Geheimen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Berlinale künstlerisch verfolgte Regisseure aus dem Iran vor den Vorhang stellt - zuletzt ist das 2015 mit dem politisch unbequemen und unter Hausarrest stehenden Jafar Panahi und dem Goldenen Bären für "Taxi Teheran" geschehen. Jetzt ist mit Rasoulof wieder ein Iraner prämiert worden, dessen Stuhl in Berlin leer blieb.

Bester Regisseur wurde der Südkoreaner Hong Sangsoo (mit seinen Darstellerinnen) für den Film "The Woman Who Ran". - © Katharina Sartena
Bester Regisseur wurde der Südkoreaner Hong Sangsoo (mit seinen Darstellerinnen) für den Film "The Woman Who Ran". - © Katharina Sartena

Aber auch die weiteren Preise sind politisch und gesellschaftspolitisch motiviert: Etwa der Silberne Bär für den Großer Preis der Jury: Frauen, die unter Druck stehen, liegen im Zentrum von "Never Rarely, Sometimes Always" von Eliza Hittman. Eine ungewollte Schwangerschaft und keine Unterstützung durch die Familie zwingt eine 17-Jährige zum Reißaus nach New York - es folgt ein schmerzhafter Prozess der eigenen Entfremdung und eine Abtreibung.

Paula Beer wurde verdient mit dem Preis als beste Schauspielerin ausgezeichnet, für Christian Petzolds "Undine". - © Katharina Sartena
Paula Beer wurde verdient mit dem Preis als beste Schauspielerin ausgezeichnet, für Christian Petzolds "Undine". - © Katharina Sartena

Auch der Silberne Bär für die beste Regie hat gesellschaftspolitische Dimensionen: Hong Sangsoo aus Südkorea erhielt den Preis für "The Woman Who Ran", eine überaus minimalistische Inszenierung über Frauen, die erstmals nach langer Zeit wieder etwas ohne ihre Ehemäner unternehmen.

Bei den Darstellern reüssierte Elio Germano für "Hidden Away" von Giorgio Diritti. Er verkörpert darin den Außenseiter unter den italienischen Malern, Antonio Ligabue, mit großer Intensität und Glaubwürdigkeit. Als beste Schauspielerin wurde verdient Paula Beer ausgezeichnet, sie spielte die Hauptrolle in Christian Petzolds "Undine". Als Wassernixe und Sagenfigur führte sie nicht nur in ihrer Eigenschaft als Fremdenführerin durch Berlin, sondern verliebte sich auch in den von Franz Rogowski dargestellten Industrietaucher. Es war der märchenhafteste aller diesjährigen Wettbewerbsbeiträge.

Die italienischen Brüder Fabio und Damiano D"Innocenzo erhielten den Silbernen Bären für das Drehbuch zum Drama "Bad Tales" ("Favolacce"). Ausgezeichnet wurde auch der 79-jährige deutsche Kameramann Jürgen Jürges, der schon mit Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder und Michael Haneke drehte. Er erhielt den Silbernen Bären für eine "herausragende künstlerische Leistung" für seine Arbeit an dem kontroversiellen Projekt "DAU. Natasha" (die "Wiener Zeitung" berichtete).

Auch das österreichische Kino konnte dieses Jahr in Berlin einige Erfolge erzielen: Der Spezialpreis der Encounters-Jury, der zweite Preis dieser neuen Sektion sozusagen, ging an Sandra Wollner für "The Trouble With Being Born", eine künstlerisch wie inhaltlich dichte Auseinandersetzung mit virtueller und realer Umgebung (die "Wiener Zeitung" berichtete) - der Hauptpreis in dieser Reihe ging an "The Works and Days" von C. W. Winter und Anders Edström.

Eine lobende Erwähnung gab es beim Dokumentarfilmpreis für das österreichische Filmemacherpaar Tizza Covi und Rainer Frimmel für ihre Reise in den Wiener Untergrund namens "Aufzeichnungen aus der Unterwelt". Als bester Dokumentarfilm wurde Rithy Panhs extravagante und avantgardistische Doku "Irradiated" ausgezeichnet.

 Alle Preisträger im Überblick:

GOLDENER BÄR: "Es gibt kein Böses" ("Sheytan vojud nadarad") von Mohammed Rassulof

SILBERNER BÄR, GROSSER PREIS DER JURY: "Never Rarely Sometimes Always" von Eliza Hittman

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE REGIE: Hong Sangsoo für "Die Frau, die rannte" ("Domangchin yeoja")

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE DARSTELLERIN: Paula Beer für "Undine" von Christian Petzold

SILBERNER BÄR FÜR DEN BESTEN DARSTELLER: Elio Germano für "Volevo nascondermi" ("Hidden away") von Giorgio Diritti

SILBERNER BÄR FÜR DAS BESTE DREHBUCH: Fabio und Damiano D'Innocenzo für "Favolacce" ("Bad Tales")

SILBERNER BÄR FÜR HERAUSRAGENDE KÜNSTLERISCHE LEISTUNG: Für die beste Kamera an Jürgen Jürges für "DAU. Natasha" von Ilja Chrschanowski und Jekaterina Oertel

SILBERNER BÄR - 70. BERLINALE: "Effacer l'historique" von Benoît Delépine und Gustave Kervern

 Weitere Infos: www.berlinale.de