Es ist die Geschichte einer Freundschaft, jene zwischen einem keuschen Glaubensmann (Narziss) und dem lebensfrohen Goldmund, der lieber in die Welt hinaus will, um sie zu entdecken, anstatt hinter Klostermauern zu Gott zu beten. Hermann Hesses Roman spielt im Mittelalter, entstand aber in den späten 1920er Jahren und reflektiert darob auch das Gefühl jener Zeit mit. Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky hat das Buch nun überaus opulent verfilmt - und ist sogar der erste Regisseur überhaupt, der "Narziss und Goldmund" (ab Freitag im Kino) adaptierte.

"Wiener Zeitung": Herr Ruzowitzky, "Narziss und Goldmund" wurde bisher noch nie verfilmt. Wieso eigentlich nicht?

Stefan Ruzowitzky: Es wurde oft versucht, das auf die Reihe zu bekommen, aber niemandem gelang es. Einer meiner guten Ideen war es, eine Rahmenhandlung aufzubauen, denn es war immer ein Problem, dass bei Hesse der Narziss ja nur ganz am Anfang und ganz am Ende vorkommt. Wenn man behauptet, man erzählt die Geschichte einer großen Freundschaft, und einer der beiden Freunde ist eigentlich nie da, ist das filmisch schwierig. Ich bin auf diese Weise nahe bei der literarischen Vorlage geblieben.

Was ist für Sie das Besondere an diesem Buch?

"Narziss und Goldmund" wird von vielen Lesern als eine Art Lebenskompass empfunden. Erstmals las ich das Buch mit 16, und beim Wiederentdecken fielen mir schon ganz andere Dinge auf als damals. Die homoerotischen Untertöne habe ich als Jugendlicher gar nicht bemerkt. Aber sie sind stark vorhanden. Narziss sagt zu Goldmund: Du träumst von Mädchen, ich träume von Jünglingen. Wenn mir das ein Freund sagt, dann werte ich das als Coming-out. Aber Narziss ist nicht schwul, weil er ein asexueller Mensch ist. Er erlaubt sich keine Sexualität und keine Gefühle.

Ihre Kinofassung hat einen großen Anspruch, sieht sehr teuer aus. Es ist definitiv kein ORF-Fernsehfilm.

Das stimmt. Wir hatten damit großes Unterhaltungskino vor, im besten Sinne. Es gibt hier genügend Schauwerte, befeuert von Hesses philosophischen Gedanken und der schönen Sprache. Diese schöne Sprache verstärke ich durch die schönen Bilder. Wenn ich einen Film drehen würde, der im Mittelalter spielt, dann würde ich das viel düsterer und dreckiger anlegen, aber hier geht es eben um Hesses Mittelalter, und das ist nun einmal sehr romantisiert. Hesse zeichnet eine Welt durch die Augen eines schwärmerischen Künstlers, und deshalb nimmt man diese Welt als so farbenprächtig und üppig wahr. Das wollte ich auch im Film entsprechend umsetzen und habe noch einmal extra an den Farbreglern gedreht.

Eine idealisierte Welt, die Hesse zu einer Zeit niederschrieb, als Träume seltener geworden sind. Haben Sie herausgefunden, ob das reale Umfeld Hesses in dieses Idealisieren hineingespielt hat?

Ich bin sicher, dass das einen Einfluss hat. Denn das Werk kommt ja immer aus der Umgebung seines Schöpfers. Hesse erzählt eine Geschichte, wo jemand aus einer sehr repressiven Gesellschaft ausbricht, er verlegt es ins Mittelalter, spricht aber natürlich von seiner Zeit. Der Haupttitel im Film, wenn "Narziss und Goldmund" auf der Leinwand eingeblendet wird, hat von der Schrift her so eine Mischung aus Jugendstil und 20er Jahre und sieht gar nicht nach Mittelalter aus, das ist eine kleine Anspielung auf Hesses Sicht.

Wie bewerten Sie den Einfluss von Religion und Religiosität im Buch? Welche Gedanken hatten Sie zur Darstellung von Gottesfurcht und Abgeschiedenheit?

Für mich als nichtreligiösen Menschen geht es da sehr um den Konflikt zwischen einem intellektuellen Lebensstil versus einen Mensch der Tat, der sich ins Leben stürzt. Als moralisch-religiöse Frage ist für mich am interessantesten, was Narziss sich am Ende fragt: Hat Gott nicht die Sünde geschaffen, damit wir auch Sünden begehen, Fehler machen, dafür bestraft werden und daraus lernen und daran wachsen? Das ist schon eine interessante religiöse Frage. Narziss stellt die Frage, ob es nicht feig sei, wie er sein Leben lebt: Er bleibt im Kloster hocken, da kann ihm nichts passieren und er kommt erst gar nicht in Versuchung. Aber ist das die Idee vom lieben Gott? Hat er nicht die Sünde geschaffen, damit ich mich auf etwas einlasse und etwas entdecke?

Sind Produktionen wie diese überhaupt noch zeitgemäß? Immerhin gehören inzwischen fast alle Studios Disney und der Rest der Filmunterhaltung findet über Streamingdienste statt. Wo ordnet sich ein Film wie Ihrer da ein?

Es macht durchaus Sinn, diese Geschichte für ein breites Publikum aufzubereiten, denn auch das Buch ist ja sehr breitenwirksam und episch erzählt. Das Buch ist kein kleines, kontroversielles Werk, das man mit zuviel Budget getötet hätte, im Gegenteil. Es verlangt nach großem Kino. "Narziss und Goldmund" ist tatsächlich als Projekt angelegt, von dem die Leute sagen würden: Dafür lohnt es sich, ins Kino zu gehen. Es gibt andere Filme, zum Beispiel aktuell "Marriage Story", die kann man durchaus auch zuhause an seinem guten Fernseher sehen, da verpasst man nicht viel gegenüber der großen Leinwand. Aber Filme, die derartig von den großen Bildern und den tollen Tönen lebt, sind einfach für das Kino gemacht. Das ist mit Hauptabendprogramm oder Streamingdienst nicht vergleichbar. Genau so arbeite ich gerade an meinem nächsten Film "Hinterland": Der wird eine Optik haben, die hat es so noch nicht gegeben, und dafür sollte es sich lohnen, ins Kino zu gehen.

Hat Netflix der Branche nur Gutes gebracht?

Die Streamingdienste tun inhaltlich das, was früher das Kino getan hat, aber nicht mehr tut. Inhaltlich sind viele dieser Filme ganz großartig. Hinzu kommt, dass Netflix die Filmemacher sehr vom Quoten- und Box-Office-Druck befreit und sie ermutigt, sich etwas zu trauen, etwas Spezielles zu machen. Das gibt es beim Fernsehen oder in vielen Studioproduktionen nicht, die alle beim kleinsten gemeinsamen Nenner bleiben müssen, um ein breites Publikum zu finden, bei dem sich niemand auf den Schlips getreten fühlen darf. Beim Streamingdienst ist es aber möglich, sehr unterschiedliche Publikumsinteressen zu befriedigen: Da gibt es dann eben Lesben-Horror, und wer das sehen will, darf sich das anschauen, die anderen sind aber nicht beleidigt. Wenn der ORF einen Lesbenhorrorfilm am Samstag um 20.15 Uhr zeigen würde, dann bräche wohl die Revolution aus. Aber der ORF und die anderen öffentlich-rechtlichen Sender lernen von der Situation und übernehmen viele Programme oder koproduzieren bereits mit Netflix. Das hat einen Einfluss auf das gute, alte öffentlich-rechtliche Fernsehen, hoffe ich.

Bei den Oscars gewann in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" heuer "Parasite" aus Südkorea, und heimste auch die Hauptpreise Bester Film und Beste Regie ein. Sehen Sie als Academy-Mitglied da einen neuen Trend?

Das wird die Zeit zeigen. Die Academy wird eindeutig internationaler. Aber die Oscars hatten früher immer andere Filme als die A-Festivals in Cannes oder Venedig. Dort liefen die elitären Kritikerlieblinge, die Oscars waren immer mehr fürs Publikum, der "gute Mainstream" sozusagen. Wenn die Oscars jetzt beginnen, Cannes nachzueifern, geht durchaus etwas verloren. Bei der Kategorie "Foreign Language" wurde schon vor ein paar Jahren eine Art Zwischenjury eingeführt, die die Vorauswahl-Jury de facto entmachtet hat und alles umschmeißt, was die ausgewählt haben. Stattdessen hievt sie dort einige Titel aus Cannes oder Venedig hinein, die jeweils in dem Jahr relevant sind. Das hat Vor- und Nachteile. Bei "Siebtelbauern" (1998) hat mir damals ein Academy-Mitglied erzählt, dass wir knapp dran waren, nominiert zu werden, aber "Lola rennt" und "Das Fest" waren damals nicht einmal in der Nähe einer Nominierung. Das alte Auswahl-Komitee hat das nicht kapiert. Da sind viele wichtige Filme an der Academy vorbeigezogen. Irgendwann hat die Academy gesagt: Das geht so nicht, dass wir die Filmgeschichte verpassen. Vor 15 Jahren wäre "Narziss und Goldmund" ein heißer Auswahlkandidat für diese Kategorie gewesen, aber jetzt, unter den neuen Richtlinien, wird das wohl schwierig.