Revolution liegt in der Luft. Und zwar nicht irgendeine Revolution, sondern vielleicht die Revolution, auf die sich alles seit Jahren zuspitzt. Sie könnte unumkehrbar sein, das ist das Wesen von Revolutionen. Daran wird man sie messen, in wenigen Jahren.

Die Filmbranche befindet sich im Umbruch, spätestens seit die Streaming-Plattformen Amazon Prime Video oder Netflix existieren, denn sie bieten bequemes Couch-Kino vor immer größer werdenden Flatscreens. Ausgerechnet das Corona-Virus könnte nun der weltweiten Kinobranche einen entscheidenden Schlag versetzen - nämlich dann, wenn die Kinobesucher nun zwangsläufig mit Streamingdiensten befriedigt werden, weil die Kinos eben geschlossen halten müssen. Kommt dieses Publikum nach der Krise wieder? Mit Sicherheit, sofern die Alleinstellung des Kinos gewahrt bleibt: Filme exklusiv und lange vor den Streaminganbietern auf großer Leinwand zu zeigen. Das mit dem gemeinschaftlichen Filmerlebnis ist hingegen in Krankheitszeiten nicht so leinwand.

Tabubruch in den USA

Ab morgen, Freitag, wird in den USA ein Tabu gebrochen, denn dann wird das Studio Universal Pictures als erstes der großen "Majors" aktuelle Kinofilme exklusiv als Streaming-Angebot via Amazon oder iTunes zur Verfügung stellen, denn auch in den USA schließen derzeit sämtliche Kinos wegen des Coronavirus. In den USA, wo die Film- und Unterhaltungsindustrie die viertgrößte Branche darstellt, ist Stillstand der vorhersagbare Tod, deshalb prescht Universal in eigener Sache vor, und andere Studios werden mit Sicherheit bald folgen, wissen Insider. Universal-Filme, die sich derzeit im Kino befinden, darunter "Emma" oder die Horrorfilme "The Hunt" und "The Invisible Man" werden zum Streaming angeboten, für 19,99 Dollar für 48 Stunden - das entspricht dem Preis von zwei Kinokarten. Für die daheimgebliebenen Zuschauer mitunter ein Preisvorteil, wenn mehr als zwei zuschauen. Nur das Popcorn muss man sich selber machen.

"Anstatt sie zu verschieben, wollen wir den Zuschauern die Möglichkeit geben, unsere Filme in einem sicheren und preislich leistbaren Rahmen zu sehen", sagte Jeff Shell, der CEO von NBCUniversal. "Wir hoffen, dass die Menschen wieder ins Kino gehen werden, aber wir sehen auch, dass das für Menschen in gewissen Regionen zunehmend schwieriger wird".

Video on Demand: Das neue Kino

Diese direkte Vermarktung von Filmen via Video on Demand (VOD) klammert das Kino als primäre Vermarktungskette aus; bislang galt in den USA eine Sperre von Kinofilmen für sämtliche nachgereihten Verwertungswege (VOD, TV, DVD) von 90 Tagen ab Kinostart. Diese heilige Kuh wird nun erstmals geschlachtet: Kinofilme sind nicht mehr in erster Linie Kinofilme. In dieser Situation ist das Handeln von Universal nachvollziehbar und möglicherweise wichtig fürs Geschäft: Jeder kann die Blockbuster nun auf dem Handy oder TV anschauen, und zwar lange vor den anderen, die auf die Streamingauswertung oder DVD warten wollen. Das Kino wird damit zum Todesopfer einer Viruskrise - doch die Maßnahme gilt unter Brancheninsidern schon lange als die Zukunft der Filmdistribution.

Das zeigt auch der Umstand, dass es den großen US-Kinoketten ohnehin schon nicht gut geht: Marktführer AMC Theatres, im 100-prozentigen Eigentum der chinesischen Wanda-Gruppe, hat in den USA 8400 Leinwände, die nun dunkel bleiben. Schon bisher kämpfte dieser weltgrößte Kinobetreiber mit rund 1000 Kinos, mit Schließungen in Europa und heftigen Kurseinbrüchen an der Börse. Die Corona-Schließung verstärkt das Problem. Außerdem ist das Trudeln von Kinoketten mit weitreichenden Problemen verbunden: Viele Arbeitslose, und Gebäude, die man praktisch für nichts anderes nutzen kann als für Kinos.

Profite zählen

Doch darauf können die Studios derzeit keine Rücksicht nehmen: Sie müssen ihre Produkte vermarkten, und das geht im digitalen Zeitalter ziemlich einfach - und eben erstmals an den Kinos vorbei. Als VOD-Premiere wird es ab 10. April den Dreamworks-Animationsfilm "Trolls World Tour" geben. Die Kinobetreiber schäumen: Hätte man den Film einfach auf die Zeit nach der Krise verschoben, kämen die Leute wieder und alles wäre gut, lautet der Tenor. Außerdem seien VOD-Titel ohne vorangegangene Kinoauswertung viel schwieriger zu vermarkten, wird vonseiten der Kinobetreiber betont. "Die Leute streamen das, worüber sie schon in den Medien gehört haben", sagt ein Insider im "Hollywood Reporter".

Aber könnten Hollywood und die Kinobetreiber die Krise wirklich tatenlos aussitzen? Bis wann dauert sie, bis Mai, oder gar bis in den Sommer? Für die Studios und die Kinos wäre das der programmierte Tod. Weshalb dem Universal-Alleingang bald andere folgen dürften. Disney könnte seinen aktuellen Blockbuster "Onward" direkt auf Disney+ (die "Wiener Zeitung" berichtete) hieven, um so noch mehr Abonnenten zu gewinnen. Oder die Realverfilmung von "Mulan", gerade erst auf Herbst verschoben, könnte ebenfalls direkt auf VOD landen. Das wäre wirtschaftlich sinnvoll, ist doch das millionenschwere Werbebudget für den ursprünglichen Kinostart Ende März sonst wohl wirkungslos verpufft.