Stell dir vor, es ist Kino, und keiner geht hin. Die Corona-Krise sorgte für die Schließung sämtlicher Kinos im Land, und das macht diese Kulturstätten des sozialen Miteinanders zu Sehnsuchtsorten. Ein bisschen Abhilfe für alle, die die Lichtspielhäuser dieser Tage besonders vermissen, verspricht die Ausstellung "Kino Welt Wien", die erst kürzlich im Wiener Metrokino eröffnet wurde, zur Zeit aber ebenfalls geschlossen ist.

Preisliste des Zentral Kinos, um 1910 - © Filmarchiv Austria/Joo
Preisliste des Zentral Kinos, um 1910 - © Filmarchiv Austria/Joo

Das Filmarchiv Austria als Veranstalter hat sich daher etwas besonderes einfallen lassen: Man hat die Schau kurzerhand ins Internet verlegt und zeigt sie nun online in einem "Digitorial". Die Umsetzung als scrollbare Multimedia-Story ist überraschend kurzweilig gelungen, viele Filmbeispiele und auch zahlreiche Fotos und Illustrationen zeigen einen Überblick über 125 Jahre Wiener Kinogeschichte.

Das reicht von einem Vertreter der Brüder Lumière, der ab Ende März 1896 in der Kärntnerstraße 45/Ecke Krugerstraße 2 regelmäßige Vorstellungen von "lebenden Bildern" veranstaltete über umfassendes Bildmaterial von frühen Wiener Kinos bis hin zur Eröffnung des Gartenbaukinos am Ring im Jahr 1960, zu der sogar Kirk Douglas kam (sein Film "Spartacus" wurde hier in 70mm-Kopie gezeigt).

Langgezogene Schlauchkinos

Um 1910 wird die ehemalige Jahrmarktattraktion Kino sesshaft, in Wien werden wenige Neubauten errichtet, dafür umso mehr Erdgeschoßräume von Häusern in langgezogene "Schlauchkinos" umgebaut. Ein Beispiel hierfür sind die "Breitenseer Lichtspiele" oder das Schikaneder. Auch das Apollo ist kein originärer Kinobau, sondern war ein Varieté-Theater. Bis 1930 gab es in Wien rund 200 Kinos, oftmals von Frauen geführt. Bis in die 1950er-Jahre waren die Kinosäle häufig überfüllt, effiziente Lüftungsanlagen kamen nur selten zum Einsatz. Zur Desinfektion und Verbesserung der Luftqualität wurden daher Perolin-Spritzen eingesetzt, die den Duft von Tannenwäldern verbreiteten.

Das Forum Kino im 1. Bezirk, 1950 - © Filmarchiv Austria/Sammlung Pauer
Das Forum Kino im 1. Bezirk, 1950 - © Filmarchiv Austria/Sammlung Pauer

Die digitale Ausstellung legt viel Augenmerk auf die Kinobetreiber früherer Zeiten - legendäre Kinosäle wie das Grand-Kinematographentheater in der Mariahilfer Straße, das seit 1906 von der Schauspielerin Mizzi Schäffer geleitet wurde und 1989 als Pornokino endete, sind umfangreich erläutert. Die frühere Kinobetriebs-Anstalt, die Kiba, die im sozialistischen Wien 1926 gegründet wurde, sollte ursprünglich dem Abspielen von Parteipropaganda dienen, aber bald schon setzte sich auch hier der kapitalistische Ansatz durch und die Kiba-Kinos zeigten dieselben Filme wie alle anderen. Zur Blütezeit der Kiba standen ein gutes Dutzend Kinos unter ihrem Schirm, darunter Gartenbau, Metro, Apollo und De France. Häuser wie das Elite, Flotten, Club West oder Tabor sind inzwischen leider schon Geschichte.

Grätzelkinos

Kriegs- und Nachkriegszeit werden in der Schau ebenso beleuchtet, wie die großen Kinoneubauten Forum (1950) oder Gartenbau (1960). Aber auch kleinen Grätzelkinos widmet die Ausstellung breiten Raum. Schließlich wird - mit dem Ende der Kiba 1999 und den Entwicklungen am Kinomarkt in den 80er und 90er Jahren - auch das Thema Multiplex aufgegriffen. Von den einst 200 Kinos sind heute noch 30 geblieben.

Der virtuelle Rundgang vermittelt einen amüsanten, informativen und vor allem nostalgischen Rückblick auf die Hoch-Zeit der Wiener Kinos, was digital erstaunlich gut funktioniert.