Eigentlich ist gerade nicht der Zeitpunkt für das Ausbreiten geschundener Künstlerseelen. Aber die neue Autobiografie von Woody Allen, "Ganz nebenbei" (Rowohlt), liefert nun den Stoff, sich auch einmal abseits der Corona-Krise zu zerstreuen, denn was Allen darin schreibt, ist weniger Biografie als mehr eine permanente Deskription seines Gefühlshaushalts. Das war immer so, auch seine Filme sind getränkt von dieser melancholischen Grundstimmung in Hinblick auf das Leben und die Liebe. Aber die Filme sind deutlich lustiger als Allens Leben.

Unkommentierte Memoiren

Man kann "Ganz nebenbei" unter gar keinem anderen Licht lesen als unter jenem der Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs, die gegen Allen immer noch im Raum stehen. Obwohl vom Gericht mehrfach freigesprochen, halten sich die Anschuldigungen seiner Adoptivtochter Dylan Farrow, sie 1992 sexuell missbraucht zu haben, hartnäckig. Dies wohl auch deshalb, weil Farrow diese Vorwürfe im Zuge der #metoo-Debatte erneuert hatte; und auch nach der Lektüre des Buchs, das nun entgegen ursprünglichen Ankündigungen auch in den USA erschienen ist, ändert sich nichts: Die Familie Farrow ließ nur wissen, dass sie Allens Memoiren unkommentiert lassen will, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Vorwürfe.

Woody Allens Buch ist natürlich seinen Filmen gewidmet, und dabei tischt der brillante und pointierte Schreiber, der Allen nun einmal ist, unzählige Anekdoten auf, die allesamt zwar wenig Substanz haben, aber in ihrer Gesamtheit dann doch gut abbilden, wie dieser Mann gestrickt ist und worüber er lachen kann. Hinter die Kulissen des Filmemachers Allen lässt er dabei nur wenig blicken, das Anekdotische steht dabei im Vordergrund. Allen, der niemals müde wird, sich und seine Kunst öffentlich kleinzureden, empfindet sein Talent als gewöhnlich, wenn er sagt, so mancher Film sei ihm gründlich misslungen, dass er ihn am liebsten verstecken würde. Zugleich ist er aber auch stolz auf sein Werk, das ihm geglückt ist, darunter Filme wie "Manhattan" oder "Match Point". Allens Befindlichkeit steht und fällt mit den Erfolgen seiner Filme; auch, wenn Allen das in diesem Buch nicht zugibt, so liest man das doch deutlich heraus.

Leider ist "Ganz nebenbei" aber trotzdem zu einem Gutteil ein Selbsterklärungsversuch für die im Raum stehenden Verfehlungen des inzwischen 84-jährigen Regisseurs. So ist Langzeitpartnerin Diane Keaton nur auf elf Seiten der 500-Seiten-Autobiografie erwähnt, Adoptivtochter Dylan immerhin auf 46 Seiten, hingegen Mia Farrow auf 105 Seiten. Selbst Allens Ehefrau, seine frühere Adoptivtochter Soon-Yi, kommt nur auf 71 Seiten vor. Das Buch ist gespickt mit Seitenhieben auf Mia Farrow, mit der Allen den gemeinsamen Adoptivsohn Satchel hatte und eben auch mit Farrows anderen Adoptivkindern Dylan, Moses und Soon-Yi zusammenlebte. Allen wirft Farrow Rachsucht vor, sie sei eine Getriebene und wolle Allen ruinieren, weil sie die Trennung von ihm nicht verwinden hätte können, zumal diese Trennung in die neue Beziehung am Ende eines Lügenmärchens mit Soon-Yi mündete. Eine enttäuschte Ehefrau überzieht die Szenerie mit bösem Blut und eiskalter Rache, so stellt Allen in seiner Version die Dinge dar. Gewidmet ist das Buch Soon-Yi: "Sie fraß mir aus der Hand, und plötzlich fehlte mir der Arm", so Allen.

Durch dunkle Zeiten

Überhaupt ist diese Soon-Yi im Buch einem Engel gleichgestellt, jemand, der Allen aus seiner Sicht durch dunkle Zeiten geholfen hat, und zugleich auch jemand, der für ihn die absolute Verkörperung der leiblichen Lust dargestellt hat. Allen beschreibt sehr detailreich, wie Mia Farrow von den Nacktfotos von Soony-Yi erfuhr, die bei Allen am Kaminsims lagen. Damals war Soon-Yi 21, und die Liebe zwischen den beiden war voll entbrannt. "In den Anfängen, als die Lust alles regierte, konnten wir die Hände nicht voneinander lassen", schreibt Allen über die 35 Jahre jüngere Frau, mit der die sexuelle Beziehung schon damals mehrere Jahre angedauert haben soll. Farrows Reaktion der Wut war Allen bewusst: "Natürlich verstehe ich ihren Schock, ihre Bestürzung, ihre Wut, alles. Sie hat korrekt reagiert." Aber seine Liebe sei stärker gewesen: "Manchmal, wenn es hart kam und ich überall als Bösewicht hingestellt wurde, fragte man mich, ob ich was mit Soon-Yi angefangen hätte, wenn ich über die Folgen Bescheid gewusst hätte. Ich antwortete jedes Mal: Ich würde keine Sekunde zögern."

Geht es nach Allen, war alles, was danach kam, ein einziger Racheakt, vor allem jener Nachmittag im Jahr 1992, an dem Allen zu Gast in Farrows Haus war und dort der sexuelle Missbrauch passiert sein soll. Er habe jedoch nur seinen Kopf auf den Schoß der siebenjährigen Dylan gelegt, und zwar "in einem Raum voller Leute und wir haben im Fernsehen das Nachmittagsprogramm geschaut". Allen ist überzeugt: "Ich habe nie Hand an Dylan gelegt, habe nie etwas mit ihr gemacht, das als Missbrauch gedeutet werden könnte. Es war von Anfang an ein totales Lügenmärchen."

Man kann diese Biografie auch unter dem Aspekt des Filmemachers Allen lesen, dann kann man sich getrost in die ersten 260 Seiten fallen lassen, die von "Manhattan" handeln, von "Der Stadtneurotiker", von "Ehemänner und Ehefrauen". Aber auch diese Filme, das wird bald klar, sind wie eine Sammlung vieler privater Neurosen, auch, wenn Allen das stets verneint. Den Künstler von seiner Kunst zu trennen, das ist auch bei Allen nicht restlos möglich. Schade ist, dass man dieses Buch am Ende doch nur des einen Themas wegen in Erinnerung behalten wird.

So ist nun einmal die Welt: Zwischen Gerichtssälen, Richtern, Prozessen, der Öffentlichkeit und den Medien - Allen wirkt nicht federleicht, sondern zermürbt, am Ende dieses Lebens. Die Opferrolle, in die er sich schreibt, will man ihm trotzdem nicht ganz abnehmen.