Der polnische Komponist Krzysztof Penderecki ist am Sonntag, den 29. März, in Krakau gestorben. Penderecki gilt als einer der bedeutendsten Komponisten der Nachkriegs-Avantgarde. Er war wegen seiner Klangexperimente ebenso umstritten wie wegen seiner späteren Hinwendung zu einer von Sibelius und Bruckner beeinflussten Neo-Romantik. Seinen 85. Geburtstag hatte Penderecki noch mit einem eigenen Musikfestival und Weggefährten aus aller Welt gefeiert.

Der Aufstieg des am 23. November 1933 in Debica geborenen Krzysztof Eugeniusz Penderecki begann, als er, damals Dozent für Komposition an der Krakauer Musikhochschule, 1959 drei Werke zum Kompositionswettbewerb des polnischen Komponistenverbandes einreichte. Die Einsendungen hatten anonym zu erfolgen. Penderecki belegte mit seinen drei Werken "Psalmen Davids", "Emanationen" und "Strophen" die ersten drei Plätze. 1960 ging dann "Threnos – den Opfern von Hiroshima" um die Welt.

In schneller Folge entstanden dann die Orchesterwerke, die zu den tragenden Säulen der Nachkriegs-Avantgarde gehören: Polymorphia" (1961), "Fluoroscenses" (1962), "De natura sonoris 1" (1966) und "De natura sonoris 2" (1970). Auch groß dimensionierte Chorwerke schuf Penderecki in dieser Zeit. Der Komponist bekannte sich zum Christentum, er war Katholik mit großer Sympathie für die Orthodoxie, die sich unter anderem in seiner Liebe zu Ikonen ausdrückte. Eine musikalische Erklärung der Nähe war "Utrenja" (1970/1971), während sich sein Katholizismus im Oratorien-Meilenstein der Lukas-Passion (1966) manifestierte und im "Magnificat", das 1974 bei den Salzburger uraufgeführt wurde. Auch seine Oper "Die Teufel von Loudun", 1969 in Hamburg uraufgeführt, handeln Fragen des Glaubens, im konkreten Fall der teuflischen Besessenheit, ab.

Neuer Anfang

In den Werken dieser Zeit komponierte Penderecki ineinander verfließende geräuschhafte Klangflächen aus Trauben eng aneinander liegender Töne, in der Fachsprache "Cluster" genannt, oft sogar im Vierteltonabstand. Manches, was Penderecki zu dieser Zeit schreibt, klingt, obwohl für riesige Streichorchesterbesetzungen oder für Orchester komponiert, nahezu wie elektronische Musik. Speziell Streichinstrumenten gewinnt Penderecki dabei neue, ungeahnte Klänge ab.

Allerdings kontrastiert Penderecki die Flächen schon in der "Lukas-Passion" mit motivischer Arbeit und steuert, trotz der Zwölftontechnik in diesen Abschnitten, auf einen finalen E-Dur-Akkord als Symbol göttlicher Erlösung zu.

In dem kurzen Orchesterstück "Als Jakob erwachte" (1974) deutet sich eine Erweiterung der motivischen Arbeit an, die Klangflächen scheinen zurückgedrängt.

Die weiträumige Oper "Paradise Lost" (1978, Chicago) nach Milton mit einem Text des englischen Dramatikers Christopher Fry kommt dann aber doch überraschend: Mit einer an Alban Berg geschulten Kantabilität der Singstimmen und einem dunkelgetönten Orchester, das, bei aller Nähe zum Expressionismus, auch Assoziationen an Sibelius nicht meidet, wagt Penderecki einen Neuanfang.

Avantgarde in Distanz

Die Avantgarde nimmt ihm das denkbar übel. Ihr Guru, der deutsche Komponist Helmut Lachenmann, wird Penderecki als "Penderadetzky" verspotten, der die "tonalen Paarhufer anführt". Penderecki wird antworten: "Wer ist dieser Lachenmann? Was hat er Wichtiges geschrieben? Für mich war er ein unwichtiger Komponist." Die Vertreter der Avantgarde stoßen sich freilich auch an Pendereckis Einwilligungen, Ausschnitte aus seinen avantgardistischen Werken für Hollywood-Filmmusiken zuzulassen, etwa für William Friedkins "Der Exorzist", Stanley Kubricks "The Shining" oder David Lynchs "Wild at Heart". Penderecki freilich hat damit umso weniger Probleme, als er zur Musik seiner avantgardistischen Phase zunehmend auf Abstand geht und sich obendrein ohnedies nie als ein Komponist im Elfenbeinturm verstanden hat. Die Avantgarde rümpft freilich nicht nur die Nase über die Zweckentfremdung der Musik, die der Komponist akzeptiert, sondern wohl auch über die damit verbundenen Tantiemen, die Penderecki ein Leben in Wohlstand ermöglichen.

Tatsache ist, dass Penderecki nun tatsächlich ein Faible für weiträumige, bedeutungsschwere Werke an den Tag legt, viele von ihnen religiös konnotiert: "Te Deum" (1980), Siebente Symphonie "Seven Gates of Jerusalem" (1996), "Credo" (1998). Aus dem Jahr 1984 stammt das "Polnische Requiem", mit dem Penderecki der Solidarność-Bewegung seine Sympathie ausdrückt: Er ist nicht nur mit Lech Wałęsa befreundet, sondern auch mit dem späteren Papst Johannes Paul II.

Opern-Uraufführung in Salzburg

1986 erfolgt bei den Salzburger Festspielen die Uraufführung der Oper "Die schwarze Maske" nach Gerhart Hauptmann. Der Bühnen-Thriller sorgt für eine neuerliche Überraschung: Sollte Penderecki zu den Idealen seiner Avantgarde-Periode zurückkehren wollen? Über weite Strecken dermaßen schroff hat Penderecki schon lange nicht geschrieben. Die Kritik rümpft dennoch die Nase und spricht, in Anspielung auf Franz Lehàrs Operette und Pendereckis Akkordpacken, von der "clustrigen Witwe".

Die Kritik hat nicht ganz unrecht: Im Zuge der Postmoderne beginnt nun auch Penderecki, sich im Gemischtwarenladen der Stile zu bedienen. Zugute halten muss man ihm freilich, dass er sich nur bei sich selbst bedient – und da ist das Feld weit genug. So kann er in der Oper "Ubu Rex" (1991, München) nach Alfred Jarry ein polystilistisches Pandämonium entfalten, in dem kaum eingeschrägte Tonalität bis hin zu den absurd verrenkten Koloratur-Extravaganzen der Mutter Ubu einander alles mischt und kommentiert und verlacht, was die Musikgeschichte zu bieten hat.

2005 schreibt der mittlerweile 72-jährige Komponist seine Achte Sinfonie,  "Lieder der Vergänglichkeit", in der er im siebenten Satz auf einen Text Goethes seine Liebe zu Bäumen und wohl auch zur Natur allgemein bekennt. Das Werk ist ein großes Abschiednehmen, ein letztes Summieren der orchestralen und vokalen Ausdrucksmöglichkeiten Pendereckis.

Was noch folgt, sind Kammermusikwerke oder Werke kleinerer Ausdehnung, etwa die siebenminütige "Polonaise" (2015) für Orchester.

Dann erhält Penderecki von Dominque Meyer einen Auftrag für die Wiener Staatsoper, und zwar für eine "Phädra" auf der Basis der Dramen von Euripides und Seneca.  2016 gibt Penderecki der "Kleinen Zeitung" ein Interview, in dem er sagt: "Ich habe Skizzen und gehe das Ganze sehr engagiert an. Ich werde im Dezember allmählich anfangen, die Partitur zu schreiben. Und das dauert vielleicht ein Jahr." Das Werk soll ein etwa zwei Stunden beanspruchender Einakter werden. Als Penderecki dennoch lange nichts liefert, denkt man zuerst an seinen in Fachkreisen längst notorischen Zeitverzug. Oft genug hat er Fristen empfindlich überschritten, oft genug fertige Teile uraufführen lassen und später das Werk ergänzt. Doch im März 2018 bittet Penderecki, wegen "widriger Umstände" von der Vereinbarung für das Auftragswerk entbunden zu werden.

Position in der Musikgeschichte

Welche Position Penderecki in der Musikgeschichte einnehmen wird, ist derzeit nicht absehbar. Dass sich seine frühen Werke, etwa "Threnos" und die "Lukas-Passion", trotz oder sogar gerade wegen ihrer kompromisslosen Klangsprache unmittelbarer mitteilen als die Werke der späteren Phase, die auf einem sehr weiten Feld der Rückkehr zu "schönen Klängen" gedeihen, steht außer Frage. Andererseits sind die Schönheiten seiner Dritten und Vierten Symphonie und des Cellokonzerts unüberhörbar. "Die Teufel von Loudun", im Prinzip nach der Uraufführung totgesagt, bewiesen ihre enorme Bühnenwirksamkeit, als das Wiener Operntheater 1995 im Jugendstiltheater auf der Baumgartner Höhe den Wiederbelebungsversuch unternahm. Bei der "Schwarzen Maske" käme es auf einen Versuch an. Vielleicht werden sich am ehesten Werke halten wie "Als Jakob erwachte", die auch aufgrund der vergleichsweise moderaten Orchesterbesetzung und Spieldauer im normalen Konzertalltag überlebensfähig sind. Potenzial hätte auch die "Lukas-Passion" und Pendereckis wahrscheinlich bedeutendstes Chorwerk, "Utrenja".

Doch selbst, wenn die Werke verschwinden sollten: Penderecki steht, ungeachtet seiner späteren Entwicklung, als Synonym für die legendäre polnische Nachkriegskriegsavantgarde, die sich in ihrer Ästhetik ebenso wie in ihrem Festhalten an christlichen Traditionen, gegen den Kommunismus stemmte. Musik als Leuchtfeuer für Freiheit, Mitleid und Solidarität: Diese Haltung ist für immer mit dem Namen Krzysztof Penderecki verbunden.