In den frühen 2000er-Jahren entschied sich Disney, seinen Animationsklassikern schnell auf den Home-Video-Markt geworfene Sequels zu verpassen. Durchaus lukrativ, konnten diese aber inhaltlich nie an die Qualität ihrer Vorgänger anknüpfen. Auf diese Strategie der "Filme für daheim" scheint sich nun auch auf die frisch gelaunchte Streamingplattform Disney+ zu verlagern - mit den seit 2010 regelmäßig produzierten Live-Action-Adaptionen der bekannten Trickfilme: Animationsremakes, sofort online verfügbar für den Endverbraucher auf der Couch. Den Anfang macht dabei nun auch in Österreich "Susi und Strolch", einer der kleineren Klassiker aus dem Jahr 1955. Doch so wie das Bildformat von Kinoleinwand auf Heimanlage schrumpfen muss, umso weniger gewaltig wirken auch das CGI und die Drehbuchqualität des Films.

Südstaaten im Fin de Siècle

Angesiedelt zwischen den animierten Welten von "Der König der Löwen" und "Das Dschungelbuch", arbeitet auch dieser Film mit einem Mix aus realen Figuren und virtuellen Welten. Daraus ersteht eine fantastische, bunte und auch kulturell durchaus diverse Fin-de-Siècle-Südstaatenwelt, die manchmal ein wenig zu offensichtlich die Pixel auf dem Bildschirm tanzen lässt. Die weiß getünchten Plantagenvillen werden zu romantischen Eckpfeilern der Szenerie verklärt, die sich ein "Musiker" wie Herrchen Jim Dear (Thomas Mann) und seine Frau Darling (Kiersey Clemons) anscheinend beruflich leisten können. Ebenso geht die einzigartige Bildsprache des Originals verloren, der die Welt nur aus Sicht der Hunde zeigte und die Menschen daher immer nur bis zu den Knien.

In diesem bildlich ausladenden Luxus schwelgt auch Jim und Darling Dears Hündchen Susi, Lady im englischen Original namens "Lady and the Tramp" (Tessa Thompson), die wie alle Hunde in dem Film eine Verschmelzung von realen Tieren und CGI-Anthropomorphismus ist. Immerhin wollte Regisseur Charlie Bean, dass die Hunde gemäß ihrem gezeichneten Pendant komplizierte Tricks vollführen und die Mäuler beim Sprechen bewegen. Das Ganze erweitert jedoch nicht die technischen Möglichkeiten des ein paar Monate zuvor erschienen "König der Löwen", sondern schiebt den Film in ein Uncanny Valley - jener Effekt, bei dem künstliche Kreaturen den Zuschauer mit ihrer hohen Realitätsnähe visuell verstören.

Die privilegierte Lady macht wie im Original die Bekanntschaft des Straßenköters Strolch, oder auch Tramp im Englischen (Justin Theroux), der sie warnt, dass das schwindende Interesse ihrer Familie mit dem sich ankündenden Nachwuchs zu tun hat. "Wenn das Baby einzieht, zieht der Hund aus", heißt es auch hier. Die Drohung scheint sich zu bewahrheiten und die unfreundliche Tante Sarah (Yvette Nicole Brown) zieht vorübergehend mit ihren (nicht mehr siamesischen) Katzen in dem Anwesen ein.

Fleischbällchen-Amore

Lady läuft schließlich mit Tramp davon und der Film darf endlich die berühmte Szene zeigen, in der sich das Hundepärchen Fleischbällchen auf einem Teller zustupst. Auch am kleinen Bildschirm gilt die wichtigste Live-Action-Nostalgie-Regel: Die "Bella Notte" muss akribisch genau dem Original entsprechen. Immerhin darf man sich als Zuschauer daran erfreuen, wie Oscar-Gewinner F. Murray Abraham als weniger stereotypenhafter Italiener ein Ständchen unterm Sternenhimmel schmettert.

Der Film plätschert durchgehend mit seinem unausgegorenen Mix aus modernem, schlagfertigem Humor, der etwas zu bemüht wirkt, und dunklen Elementen dahin. Dem Drehbuch fehlt die nötige Struktur zu einem spannenden Finale. Als Lady zudem von ihren Besitzern eine gute halbe Stunde vor Ende der immerhin 104 Minuten Laufzeit aus dem Hundezwinger abgeholt wird und sich mit der Familie versöhnt, ist irgendwie auf Dauer die Luft raus.

Womit der Film dennoch punkten kann, sind die Darsteller und die Stimmen. Thompson und Theroux geben im englischen Original ein gutes Gespann ab. Sam Elliot, Benedict Wong und Janelle Monáe machen in ihren Nebenrollen Spaß. Die realen Hunde Rose (Lady) und Monte (Tramp) sind in weniger zugepixelten Momenten wirklich zum Knuddeln. Die Optik und den Ton eines Disney Channel oder Home-Video-Produkts kann der Film dennoch nicht abschütteln. Nicht die beste PR-Masche, um die Zuseher in die Welt von Disney+ zu locken.