Zunächst war da Zuversicht, dann folgte die Verschiebung: Das Filmfestival von Cannes soll heuer erst Ende Juni, Anfang Juli stattfinden, jedoch: Selbst optimistische Experten rechnen damit, dass dieser Termin Corona-bedingt nicht zu halten sein wird. Bei einer Absage von Cannes würde das jahrzehntelang eingespielte Räderwerk des internationalen Filmjahres gehörig durcheinandergeraten. Denn Cannes als wichtigste Filmschau für Filmkunst und Kommerzware bildet sozusagen den Auftakt zur Awards-Season (die mit dem Festival von Venedig im September dann so richtig losgeht) - das hat man besonders gut am letztjährigen Festival gesehen, wo mit "Parasite" jener südkoreanische Film gewann, der schließlich beim Oscar im Februar alle wichtigen Hauptpreise abräumen konnte.

Wird Cannes ausfallen oder verschoben? - © K. Sartena
Wird Cannes ausfallen oder verschoben? - © K. Sartena

Fällt Cannes heuer aus, dann wäre es das erste Mal seit 1968, dass das Festival nicht stattfindet. Damals sorgten die Studenten-Proteste für einen Abbruch, diesmal ist der Grund schwerwiegender. Doch Cannes bleibt optimistisch: Auch der künstlerische Leiter des Festivals, Thierry Frémaux, weiß, dass für die Verlegung nur ein Termin wirklich machbar wäre - eben jener Ende Juni. Denn danach gibt es kaum mehr weiße Stellen im Festivalkalender: Die Ferienzeit wäre prinzipiell ungeeignet, Anfang August geht das Filmfestival von Locarno über die Bühne, ab Ende August soll Venedig stattfinden, dicht gefolgt von Toronto, San Sebastian und den Herbstfestivals in London und etlichen weiteren europäischen Städten. Außerdem: Ein Cannes-Festival im Herbst würde zu knapp am nächstjährigen Termin im Mai liegen.

Ein Ausfall von Cannes wäre jedenfalls ein Millionenverlust für alle Beteiligten - von den Cafés und Restaurants in der südfranzösischen Stadt bis hin zu den Deals der Filmproduzenten, die am "Marché du film", dem Filmmarkt, geschlossen würden. "Wir haben das Festival auch deshalb nicht abgesagt, sondern nur verschoben, weil wir bereit sein müssen, sobald es wieder aufwärts geht und wir die Festivalbesucher aus aller Welt begrüßen dürfen", hieß es in einem Statement des Festivals. Eine Megaveranstaltung wie diese auf Abruf also? Oder doch nur eine verzweifelte Hinhaltetaktik?

Venedig als Nutznießer

Intern überlegt Cannes bereits ein Datum für das verschobene Festival, nämlich mit einer Eröffnung am 23. Juni und dem Ende am 3. oder 4. Juli. Eine endgültige Absage will das Festival erst tätigen, wenn "die Hindernisse dahingehend unüberbrückbar" erscheinen. Für den Filmmarkt bedeutet das allerdings nicht zwingend das Aus: Derweil gibt es Überlegungen, ihn in einer Online-Version jedenfalls stattfinden zu lassen. Doch mit einer wahrscheinlicher werdenden Absage von Cannes würde das von Frémaux zusammengestellte Programm wohl auf andere Festivals ausweichen: Venedig wäre einer der direkten Nutznießer und könnte etliche Cannes-Filme "erben". Ganz abgesehen davon sind sich Insider inzwischen sicher, dass selbst dieses Filmfestival heuer nicht stattfinden wird - eine Reise nach Venedig scheint für die meisten Gäste derzeit undenkbar.

Möglicherweise liegt auch hier die Rettung im Internet. Die Online-Pornoseite Youporn hat Cannes ein ernsthaftes Angebot unterbreitet: Man wäre bereit, ausgewählte Filme des Programms über die eigene Seite zu streamen, hieß es in einem Anschreiben. Schließlich habe man Erfahrung mit Videoübertragung im Netz und sei - wenig überraschend - eine der meistbesuchten Websites der Welt. Die Antwort aus Cannes steht noch aus.