Jäh wurden die Hoffnungen optimistischer Filmschaffender enttäuscht, als Emmanuel Macron am Montagabend verkündete, dass sämtliche Großveranstaltungen in Frankreich bis mindestens Mitte Juli verboten sein werden. Macron hatte damit dem Filmfestival von Cannes de facto einen Strich durch die Rechnung gemacht: Cannes hatte nach der Absage des eigentlichen Termins im Mai über eine Verschiebung auf Ende Juni, Anfang Juli nachgedacht - und das Festival bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch immer nicht abgesagt.

Eine - etwas unglamouröse - Alternative, das Festival in Online-Form abzuhalten, kommt für Cannes-Festivalchef Thierry Frémaux jedenfalls nicht in Frage, wie er verlauten ließ. "Cannes findet statt, entweder ganz oder gar nicht." Man werde sich den Gegebenheiten anpassen, meinte Frémaux noch vor Ostern, was nach Macrons Ansprache im Prinzip nur die Absage bedeuten kann. Doch nicht alle physisch abgesagten Filmschauen verzichten gänzlich auf ihre Durchführung.

Für manche ist das Ausweichen aufs Internet durchaus eine Option, etwa für das Wiener Festival "Vienna Shorts" (VIS). Die digitale Festivalausgabe des VIS wird von 28. Mai bis 2. Juni über die Bildschirme gehen.

Offene Rechtsfragen

"Für die 17. Ausgabe sind wir aufgrund des Corona-Virus gezwungen umzudenken - und werden jene Arbeiten, die aus mehr als 5000 Einreichungen für das Festival ausgewählt wurden, online zugänglich machen", heißt es beim Festival. Gemeinsam mit anderen Kurzfilmfestivals wie etwa den Kurzfilmtagen Oberhausen, dem GoShorts Filmfestival in den Niederlanden und dem Shortwave Festival in Polen arbeitet man derzeit mit Hochdruck an einer Online-Plattform, deren Ziel es ist, technisch einen fixen Festivalspielplan anzubieten, wobei das Programm zu den jeweiligen Spielzeiten dann live gestreamt werden kann. Am Ende der Streamings sollen die Filmschaffenden zugeschaltet werden, um über ihre Werke zu diskutieren. Hernach kann das Programm 48 Stunden lang in einer Mediathek abgerufen werden.

Das Festival soll also seinen Vorführ-Charakter behalten. "Wir wollen die Filme nicht einzeln, sondern als kuratierte Programme präsentieren, um möglichst nahe an das analoge Festivalerlebnis ranzukommen", verrät Festival-Leiter Daniel Ebner. Der Umfang des Festivals müsse allerdings um rund die Hälfte reduziert werden. Die Streams sind für nicht österreichische IP-Adressen geblockt, sodass das Festival nur im Inland verfolgt werden kann.

Ein Festival ins Internet zu verlagern, bleibt heikel: Einerseits soll die Funktion des Festivals als "erste Bühne" für einen Film nicht unterlaufen und seine Multiplikatorfunktion nicht unterschätzt werden. Zugleich ist das Internet als Ort von Filmpiraterie und illegalen Streams imagemäßig vorbelastet. Was online gelaufen ist, hat zum Beispiel keine Chance mehr bei den großen A-Festivals, so sie denn stattfinden können. Die Exklusivität wäre weg. Man müsse aufpassen, "nicht gleichzeitig auch die Sekundärverwertung von Filmen mitzunehmen, die noch mitten in ihrer Festivalauswertung sind", findet auch Ebner. Grundsätzlich bringt ein Online-Festival auch viele rechtliche Fragen mit sich, die im Fall des VIS durch die meist unabhängig produzierten Kurzfilme leichter zu lösen sind als bei einem Festival wie Cannes.

Dass Streaming eine dauerhafte Alternative ist, liegt auf der Hand. Dazu passt die Jubelmeldung von Universal Pictures, wo man den Animationsfilm "Trolls World Tour" vor Ostern ausschließlich online gestartet hat. Das Studio sprach vom besten Debüt für eine digitale Vermarktung aller Zeiten, gab aber keine konkreten Zahlen bekannt. Sie dürften aber ganz ordentlich gewesen sein.