Zugegeben, die Perspektive ist erdrückend: Zumindest bis Juli wird in Österreich kein Kino mehr seine Pforten öffnen, dabei war es gerade dieses Medium, das uns in überlebensgroßer Form vorgeführt hat, was es heißt, den kompletten Eskapismus zu leben: auszubrechen aus der Hektomatikwelt, hinein ins Superheldenkostüm. Oder: es zumindest andere für einen machen zu lassen. Sich wegzudenken aus der eigenen Misere, Trauer, Mittellosigkeit, in die Welt von fantastischen Geschichten oder auch realen Erzählungen, nur eben nicht: Geschichten über einen selbst.

Das Kino hat seine Funktion als Ort des Ausbruchs immer wieder mit Wonne thematisiert. Manche Filmwissenschafter sind überzeugt, dass das Kino seiner ursprünglichen Bedeutung als Jahrmarktattraktion schnell verlustig ging, sobald es von Regimen wegen seiner Propagandatauglichkeit ausgebeutet wurde. Ein Blick aufs hiesige Filmschaffen genügt: vor dem Krieg Lustspiele und Deutschtümelei sowie Patriotismus auf der Leinwand. Im Krieg noch mehr Patriotismus und bald auch Durchhalteparolen. Und nach dem Krieg: Lustspiel und Romanzen, ja, die gute Sissi als Paradebeispiel für real existierenden Kinoeskapismus! Im Kino gab es als Entlohnung eine schier unbezahlbare, fröhliche Lebenseinstellung. Etwas, was wir auch in Corona-Zeiten gut gebrauchen könnten. Was liegt da näher, als ein paar wirklich lohnende Filme über wörtlich und metaphorisch gemeinte Ausbrüche vorzustellen, die ohne die 08/15-Dramaturgen aus dem Netflix-Universum auskommen?

Raus aus dem Trott

Da gibt es zum Beispiel die Filme, die das eigene Ausbrechen aus dem Trott ermöglichen. Die "Sissi"-Trilogie gehört dazu, und zwar so sehr, dass man sie im ORF allweihnachtlich zur Sedierung entnervter Großeltern-Eltern-Kind-Konstellationen ins Nachmittagsprogramm einstreut. Der Kaiser lässt sich von einem 16-jährigen Backfisch namens Sissi auf seinem Weg nach Ischl (nicht: Ischgl!) mit einer Angelrute angeln - um gleich ein Leben lang bei ihr zu bleiben. Ernst Marischka als Regisseur ist da ein oscarreifer, dramaturgisch mustergültiger Rattenfänger gelungen, der memorable Charaktere zeichnete: Ganz abgesehen vom Kaiser und seiner Sissi wurden die böse Schwiegermutter und deren schwerhöriger Gatte ebenso berühmt wie der schusselige Oberst Böckl oder die bitter enttäuschte Nene, mit der Franz Joseph eben nicht die Cotillon tanzte. Aber eigentlich deprimiert uns "Sissi" in diesen Tagen: Bei all den rauschenden Festen im Film wird man unweigerlich an die Abstandsregelungen erinnert. Wobei: Die Reifröcke der Damen machten ein Zunahekommen damals ohnehin schwer.

Wer vergessen möchte, dem empfehlen sich natürlich auch die Technicolor-Streifen, in denen gesungen und getanzt wird - Musicals waren Hollywoods verlässlichste Garanten für etwas Zerstreuung; manche behaupten sogar, die "Great Depression" der 30er Jahre hätte man nur dank dieses Genres überleben können. Unvergessen sind Gene Kelly und Debbie Reynolds in "Singin’ in the Rain" (1952), aber auch kultige andere Vertreter wie "The Band Wagon" (1953), "The Blues Brothers" (1980, oh yeah!) oder "Little Shop of Horrors" (1986).

Aber auch die großen Liebesfilme eigenen sich doch für einen Moment Eskapismus: "Vom Winde verweht" (1939), wenn man ihn denn als Liebesfilm bezeichnen mag, wartet mit dieser wunderbaren Romanze zwischen Rhett Butler (Clark Gable) und Scarlet O’Hara (Vivien Leigh) auf, bei der die eingeschworenen Fans des Films eigentlich nur deshalb zuschauen, weil sie Leigh maßlos bewundern, wie sie die Dauer-Alk-Fahne ihres Gegenübers so wunderbar hat wegspielen können. Ziemlich nahe kamen sich auch Doris Day und Rock Hudson in "Bettgeflüster" (1959), in dem beide aus ihren Alltagen ausbrachen, um zueinanderzufinden.

Im Prinzip erzählt jede Filmgeschichte die Geschichte eines Ausbruchs - damals wie heute. In "Der Pate" sucht Don Vito Corleone nach einem Ausweg aus dem Dilemma mit den anderen Clans. In "Die 12 Geschworenen" (1957) wollen elf Geschworene eigentlich aus ihrem Beratungszimmer ausbrechen, weil sie den jungen Angeklagten in ihrem Fall für schuldig halten, doch Henry Fonda stimmt sie alle um. In "Schindlers Liste" (1993) ist der sprichwörtliche Ausbruch aus dem Lager für all die Schindler-Juden ohnehin unmöglich, auch, wenn er ständig in der Luft liegt. Das Wort Lagerkoller bekommt hier ungeahnt beängstigende Dimensionen. In "Taxi Driver" (1976) bricht er aus Robert De Niro heraus, der Hass auf sich und die Gesellschaft. In Hitchcocks "Psycho" durchdringt den "Helden" die Unmöglichkeit vom Ausbruch aus den Fängen der eigenen Mutter. In "Star Wars" bricht dauernd irgendwer aus, um der dunklen Seite zu entkommen.

Ausbrüche aller Art

Nehmen wir den Begriff Ausbruch einmal wörtlich: Da hat das Kino allerlei Spielformen zu bieten. Man kann etwa aus dem Gefängnis ausbrechen, es kann aber auch ein Vulkan ausbrechen, dann kommt Lava raus. Es bricht ein Virus aus, auch darin ist Hollywood seiner Zeit voraus gewesen, oder man bricht selbst aus, dann nennt man das Wutausbruch.

Ein Gefängnisfilm ganz jenseits von neumodischem "Prison Break"-Flair ist zum Beispiel der atemlose "Auf der Flucht", wo Harrison Ford vor Tommy Lee Jones sogar aus dem Kanalrohr in die Tiefe hüpft. Schon 1993 ein Remake der TV-Serie aus den 60ern, hatte diese Verfilmung vor allem eines: Fords starr vor Angst aufgerissene Augen. "O Brother, Where Art Thou" (2000) von den Coen-Brüdern mit John Turturro und George Clooney in comichaft gestreifter Häftlingskleidung auf dem Weg in die "Freiheit" der Depressions-Ära ist da das absolute Gegenprogramm dazu, schon allein wegen Ralph Stanleys Bluegrass-Sound.

Der bessere Feuerspucker

Geht es um Vulkanausbrüche, die ja ähnliches Unheil über Menschen bringen können wie Seuchen oder Erdbeben, so matchte man sich in Hollywood gerne darum, wer den besseren Feuerspucker hatte: 1997 kamen mit "Dante’s Peak" und "Volcano" gleich zwei Vulkanausbrüche in die Kinos, im ersten rette Pierce Brosnan die Welt, im zweiten schickte man Tommy Lee Jones und Anne Heche in die Schlacht um einen Vulkan, der sich über Los Angeles entleerte. Aber es geht, bitte schön, auch mit Niveau: 1949 nämlich verfilmte Roberto Rossellini mit "Stromboli" eine Lovestory zwischen Ingrid Bergman und Mario Vitale im Schatten des Vulkans.

Den Virenausbruch streifen wir nur, denn davon haben wir selbst gerade ausreichend: Aber es ist schon beängstigend, wie akkurat Hollywood im Fall von "Outbreak" (1995) mit Dustin Hoffman als Virologen und mit "Contagion" (2011) von Steven Soderbergh jenes Szenario vorhergesagt hatte, das wir gerade durchleben. Freilich, hier und dort spitzen diese Filme kräftig zu - aber wer weiß schon, was in einer späteren Phase der Corona-Pandemie noch auf uns zukommt? Im Kino muss halt auf zwei Stunden verdichtet werden, was bei uns Jahre dauern könnte.

Verdrängen wir diesen Gedanken und widmen uns der Königsklasse menschlicher Gefühlsentladung: dem Wutausbruch. Es gibt unzählige erstklassige Wutausbrüche in der Filmgeschichte. Jack Nicholson macht es mit dem Satz "You’re goddam right, I did" gar nicht schlecht, wenn er in "Eine Frage der Ehre" (1992) von Tom Cruise herausgefordert wird. Bei den gut dokumentierten Dreharbeiten zu "Fitzcarraldo" (1982) von Werner Herzog wechselt Klaus Kinski dermaßen in Fäkalsprache, dass einem angst und bange wird. Dabei hätte er vermutlich einfach nur ein Snickers gebraucht.

Die schönste Wutausbruchsszene der Filmgeschichte ist aber jene aus "Harry außer sich" (1998), einem vergessenen Edelstein von Woody Allen, in dem der Regisseur einen Schriftsteller mit Schreibblockade spielt, den seine Romanfiguren heimsuchen. Die Wut passiert hier aber in einem sehr realen Zusammenhang: Seine Frau, eine Psychologin, findet heraus, dass er eine Affäre mit einer ihrer Patientinnen hat - ihre Wut ist nicht zu (s)toppen: Kirstie Alley in einer Oscar-Performance, die nie belohnt wurde, die wir nicht vorenthalten wollen und die im Original bis zum Schluss angesehen werden sollte, und zwar hier. Tun Sie es für den armen Mister Farber, der das alles mit anhören muss. Schauen Sie sich das an!