Eine Bühne, ein Scheinwerfer, ein Text. Mehr braucht es nicht für die große Illusion. Das Theater entführt in andere Welten, aber wieso ist diese Feststellung so wichtig, wenn man über Al Pacino spricht, einen Filmstar? Einen, der seinen Weltruhm doch der großen Leinwand verdankt? "Der Pate", "Heat", "Der Duft der Frauen"?

Al Pacino zählt zu den großen Namen des guten, alten Hollywood. Und - © AFP
Al Pacino zählt zu den großen Namen des guten, alten Hollywood. Und - © AFP

Er ist einer, der sagt: "Das Theater erdet mich."

Es war zu Beginn der 1970er Jahre, als Pacino auf einer Broadway-Bühne stand, und im Publikum saß der junge Regisseur Francis Ford Coppola. Dieser versuchte gerade, die Hauptrollen für seinen nächsten Film zu besetzen, und der junge Schauspieler mit dem italienischen Namen hinterließ einen bleibenden Eindruck bei Coppola. Er sprach Pacino an, ob er die Rolle von Michael Corleone in dem Mafiastück "Der Pate" spielen würde. Pacino sagte zu - allerdings war das Engagement noch nicht in trockenen Tüchern. Für die Rolle standen nämlich die Besten der Besten Schlange: Jack Nicholson, Robert Redford, Warren Beatty, Robert De Niro - sie alle wollten Michael Corleone sein. "Zuerst", erzählt Pacino im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", "musste die Produktionsfirma überzeugt werden. Die waren nämlich gegen mich. Alle waren gegen mich, nur nicht Coppola. Er liebte mich zu dieser Zeit ungemein. Er hat seinen Willen schließlich durchgesetzt", so Pacino. Nachsatz: "Die Produzenten wollten im Übrigen auch nicht, dass Brando mitspielt, doch auch da blieb Coppola hart."

Ein Glück für die Filmgeschichte, denn "Der Pate" wurde finanziell wie künstlerisch zu einem beispiellosen Welterfolg, und selbst seine beiden Fortsetzungen konnten überzeugen: Die trug Al Pacino nach dem Filmtod seines Film-Vaters Don Vito dann gänzlich auf den eigenen Schultern Und auch, wenn der dritte Teil 1990 der am wenigsten beachtete ist, so wurde mit "Der Pate"-Trilogie nicht nur ein neues Genre geboren, sondern mit ihm auch ein neuer Hollywood-Star. Denn das ist die wichtigste Eigenschaft dieser Spezies: Stars müssen einen Film tragen können, ganz allein. Sie müssen der Grund sein, weshalb die Leute Tickets kaufen. Wer diesen Status erreicht, darf getrost Star genannt werden.

Unzählige Rollen

Al Pacino feiert heute, Samstag, den 25. April, seinen 80. Geburtstag, und er gehört somit zu einem dieser großen, alten Namen, die zusehends verschwinden - Pacino kannte noch das gute, alte Hollywood, aber auch das New Hollywood, aus dem er stammte und mit dem er groß wurde; er hat sich auch mit unzähligen Rollen im Crime- und Actiongenre über die 80er und 90er gerettet. Und ist heute, im hohen Alter, gefragter denn je. Auf die Rolle als Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa in dem Netflix-Epos "The Irishman" von Martin Scorsese (übrigens seine erste Arbeit mit dem Regisseur) folgte im Frühjahr eine Serien-Hauptrolle in "Hunters". In der Nazi-Jäger-Serie auf Amazon Prime spielt der ergraute Star einen Holocaust-Überlebenden, der mit Helfern Jagd auf versteckt lebende Nazis macht. Davor hatte er einen denkwürdigen Auftritt als Filmagent in Quentin Tarantinos "Once Upon A Time in Hollywood", der den von Leonardo DiCaprio gespielten Western-Helden Rick Dalton in Hollywood vermittelt. Man sieht: Ruhestand ist nicht.

Aber dieses Hollywood, es hat sich stark gewandelt, auch und vor allem, seit es die Streaming-Giganten gibt, für die Pacino nun auch tätig ist. "Das alte Hollywood, wie ich es kannte, ist tot", beklagt er. "Es existiert schon lange nicht mehr. Früher war das eine Gemeinschaft von Künstlern und Kreativen, die dort wirklich tolle Geschichten erzählt haben. Heute ist das leider alles dem finanziellen Interesse großer Medienkonzerne gewichen. Die interessieren sich nicht mehr für Filme, sondern nur mehr für Geld. Und zugleich streamt man die Filme über das iPhone. Das ist doch bitte keine vernünftige Art, sich einen Film anzusehen! Was sieht man schon am iPhone? Nichts!" Pacino ist in dieser Frage durchaus leidenschaftlich. Denn seine Schauspielkunst verleiht dem nicht einmal 1,70 Meter großen gebürtigen New Yorker eine ungeahnte Überlebensgröße, die, bitte schön, eine gescheite Leinwand braucht, um zu voller Entfaltung zu gelangen!

Über das Schauspielen spricht Pacino jedenfalls gern und mit Inbrunst. "Als Schauspieler ist man immer am Beobachten. Man saugt möglichst viele menschliche Verhaltensweisen in sich auf. Ab einem gewissen Alter hat man natürlich viel mehr Erfahrungsreichtum, aus dem man schöpfen kann. Das sollte intuitiv passieren. Man muss zulassen, dass die eigenen Instinkte die Situation einschätzen können, dann wird eine Performance gut. Wenn ich ganz ehrlich bin, gelingt das selten." Pacino bezeichnet Schauspieler gerne als "emotionale Athleten" - sie durchlaufen einen schmerzhaften Prozess, der bis ins Privatleben einwirkt. "Man versucht als Schauspieler die ganze Zeit, das Schauspielen aus einer Szene herauszubekommen, damit es realistischer wirkt, und man scheitert dabei sehr oft."

Neun Oscar-Nominierungen

Pacino ist selten gescheitert, das zeigt auch die Zahl seiner Oscar-Nominierungen. Zuletzt war er heuer als Nebendarsteller in "The Irishman" nominiert, es war seine neunte Oscar-Chance. Jedoch: Pacino zeigte auch, dass es in Hollywood einen langen Atem braucht, um zu Erfolg zu kommen: Bis er seinen Oscar endlich gewann, wurde er davor sieben Mal nominiert, das erste Mal für "Der Pate", aber auch für Dramen wie "Serpico" (1974), "Hundstage" (1976) oder "Glengarry Glen Ross" (1992). Gewonnen hatte er schließlich für "Der Duft der Frauen" (1992), in dem er einen blinden Colonel im (Un-)Ruhestand spielte. "Das war ein unbeschreibliches Gefühl", erinnert sich Pacino. "Du stehst da oben, und die ganze Welt sieht dir zu. Es ist fast, wie wenn du eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gewinnst. Der Unterschied ist: Du musst für den Oscar nicht zum 100-Meter-Lauf antreten, sondern hast nur einen Film gedreht."

Erarbeitete Markenzeichen

Pacino hat sich in seiner langen Karriere rasch ein paar Markenzeichen erarbeitet, das ist auch nicht unerheblich, wenn man ein Star ist. Seine eindringliche Stimme erlaubt es ihm, Tiraden mit Druck, emotional und eruptiv hervorzubringen, was ihn dafür prädestiniert, Figuren zu spielen, die viel Macht oder Einfluss haben. Seine Figuren waren aber auch Grenzgänger, etwa der gebrochene Cop in "Serpico", der Geiselnehmer in "Hundstage" oder der windige Immobilienunternehmer in "Glengary Glen Ross". Als Michael Corleone hat Pacino eine Wandlung zu einer der kaltblütigsten Figuren der Filmgeschichte hingelegt. Vorbild war ihm dabei Marlon Brando: "Brando hat mich unglaublich beeindruckt. Immer schon, aber bei ‚Der Pate‘ besonders", so Pacino. "Erst mit einigen Jahren Abstand habe ich festgestellt, wie sehr ich Brando nachgeahmt, wie sehr ich ihn beinahe schon imitiert hatte. Ich habe sehr viel von der Weise, wie er spielt, übernommen. Ich glaube, das passiert automatisch bei Leuten, die dasselbe machen wie man selbst: Man schaut sich was von ihnen ab."

Noch leidenschaftlicher als im Kino setzte Pacino diese abgeschauten Kniffe auf der Theaterbühne ein. Schon Anfang der 1960er Jahre war er fixes Mitglied in der New Yorker Theatergruppe The Living Theatre, wo auch Martin Sheen spielte. Er nahm Unterricht bei Charles Laughton und dem Method-Acting-Lehrer Lee Strasberg. Der Anfang war hart, aber Pacino war glücklich, "damals von der Hand in den Mund zu leben. Ich liebte diese Phase, es war die kreativste Zeit meines Lebens", schwärmt er. Es ist diese Einfachheit, nach der man sich sehnt, im Brimborium des totalen Hollywood-Hypes, den Pacino zur Genüge kennt. "Man sucht die Bodenständigkeit", sagt Pacino. "Das, was sich nach ‚Der Pate‘ rund um mich abgespielt hat, war unglaublich. An vieles erinnere ich mich nicht mehr, aber ich weiß nur: Es war immer viel los." Und da bot ihm die Bühne das richtige Ventil. "Für mich gab und gibt es immer nur eine Erdung, und das ist das Theater. Man geht raus, vergisst alles über diesen Beruf und kann einfach nur - sein."