Da liegt er nun, der "Führer". Übergossen mit Benzin, lichterloh brennend, im Garten der alten Reichskanzlei, gleich neben dem Eingang zum "Führerbunker". Ein Gebilde aus Stahlbeton, das Hitler in 18 Metern Tiefe das Überleben sicherte, als Berlin längst im Bombenhagel zerkleinert wurde.

Unbeirrt und mit stechendem Blick spielte Albin Skoda 1955 in "Der letzte Akt" einen furiosen Adolf Hitler auf dem Weg in den Untergang. - © Filmjuwelen
Unbeirrt und mit stechendem Blick spielte Albin Skoda 1955 in "Der letzte Akt" einen furiosen Adolf Hitler auf dem Weg in den Untergang. - © Filmjuwelen

Kurz davor, schwer schnapsgetränkt, die Erkenntnis in Hitlers engem Umfeld: "Wir sind durch Blut hinaufgekommen, haben immer nur von Blut gelebt und werden auch in Blut verrecken." Wilhelm Burgdorf, Chefadjutant des Oberkommandos der Wehrmacht bei Hitler, hat das gesagt. Im Bunker, zumindest in der Fantasie Fritz Habecks, des Drehbuchautors von "Der letzte Akt". Der österreichische Spielfilm von Georg Wilhelm Pabst aus dem Jahr 1955, der auf dem Roman "In zehn Tagen kommt der Tod" von Michael A. Musmanno basiert, wurde in Wien und Baden gedreht und war die erste filmische Auseinandersetzung mit Hitlers Tod und seinen letzten Tagen überhaupt. Der Burgschauspieler Albin Skoda ließ sich einen Hitlerbart wachsen und studierte die Bewegungen und Gestiken des "Führers" haargenau; ihm gegenüber stand Hauptmann Wüst, gespielt von Oskar Werner, der Skoda hier das Wasser reichte - beide Schauspieler sind in diesem Nachkriegskino in Bestform zu erleben.

Spannende Fragen für eine Filmdramaturgie

"Der letzte Akt" skizziert viele Grausamkeiten des NS-Regimes, und er malt das Bild des "Tausendjährigen Reichs" von seinem Inneren her aus: Man sitzt mit Hitler in seinen letzten Tagen im Bunker, wenn er das Bildnis Friedrichs des II. beschwört, der einst in misslicher Lage doch noch triumphieren konnte. Hitler sucht den letzten Ausweg, weil die Russen schon zwei Häuserblocks von der Reichskanzlei entfernt stehen. Wird die Wende kommen? Wird Hitler doch noch siegen? Und: Wann werden seine Hoffnungen kollabieren? Welch’ spannende Fragen für eine Filmdramaturgie.

Hitlers Ende ist im Kino häufig thematisiert worden; es ist sozusagen ein kleines Faszinosum der Filmgeschichte, weil man da einem Mann dabei zusehen kann, wie er wie ein Köter in die Enge getrieben wird, wie seine abstruse Vision von einer ewigen Diktatur zerbröselt, weil die Realitäten draußen doch immer andere waren als auf seinen Landkarten. Dort hat er Armeen, die es längst nicht mehr gab, tausende Kilometer weit hin- und hergeschoben. Hitler und sein Ende im Film: ein Jammertal.

Es gibt viele Versionen dieses Endes, und doch beruhen sie alle auf den Aussagen nur weniger Menschen. Die meisten Zeitgenossen, von Goebbels, Göring und Himmler abwärts, haben sich umgebracht oder wurden zum Tod verurteilt. Otto Günsche, sein persönlicher Adjutant in den letzten Tagen, hielt sich bis zu seinem Tod 2003 stets bedeckt; Traudl Junge hingegen sprach: Sie war eine der vier Sekretärinnen Hitlers, und sie tippte sein persönliches und politisches Testament im Bunker. Ihr Bericht dieser letzten Tage ist die Grundlage für viele Hitler-Filme, auch für "Der letzte Akt". Dort wollte sie keinesfalls als Filmfigur aufscheinen, sie blieb darob gesichtslos. Junge speiste mit ihren Erzählungen all die Filme, die seither über Hitlers Ende erschienen sind. Das bringt auch eine schale Optik mit: Ein Geschichtsbild, das maßgeblich aus nur einer Quelle stammt, regt auch die Mythenbildung an. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Hitlers Ende im Bunker so oft filmisch aufbereitet wurde, wie etwa in der britisch-italienischen Produktion "Hitler - Die letzten zehn Tage" von 1973, in der Alec Guinness als Hitler auftrat, oder in "Der Bunker" (1981), wo Anthony Hopkins den Diktator spielte.

Bruno Ganz’ eher ruhiger Hitler

2001 sprach Traudl Junge höchstselbst in "Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin" von André Heller und Othmar Schmiderer über die letzten Tage im Führerbunker - und starb kurz vor der Premiere des Films bei der Berlinale 2002.

2004 folgte dann die heute hochverehrte Hitler-Interpretation von Bruno Ganz. "Der Untergang" von Oliver Hirschbiegel (nach einem Drehbuch von Bernd Eichinger) war im Prinzip ein Remake von "Der letzte Akt": Die letzten Tage des Führers, jedoch ganz anders angelegt als es Albin Skoda in den 50er Jahren tat: Ganz’ Hitler war einen Deut greiser, ruhiger, während Albin Skoda in total energischer Façon einen wortgewaltigen, später irrlichternden Hitler zeigte. Er sagte Sätze wie: "Ich werde Berlin zum Stalingrad der Russen machen", oder "Diese rassenlosen Untermenschen! Und die Juden, dieses Gewürm, das den Erdball überzieht. Ich habe doch zu viele fliehen lassen. Ich hätte sie ausrotten lassen sollen. Bis zum letzten Säugling." Und auch, als es um die Sprengung der S-Bahn-Tunnel ging, die tausende Berliner als Lazarett nutzten: "Deutschlands bestes Menschenmaterial ist auf den Schlachtfeldern gestorben. Was sich im sechsten Kriegsjahr noch in Berlin herumtreibt, ist Abfall."

Adolf Hitler im Film: Eine Figur, der man getrost die Dämonisierung aller menschlichen Absonderlichkeiten und Bosheiten zuschreiben konnte, der perfekte Antagonist sozusagen, den kein Drehbuchautor besser hätte erfinden können. Den Menschen hinter dem Dämon hat man höchstens anklingen lassen, in der Äußerung von Zweifel und Verzweiflung, je näher das Ende kam. Es wäre aber unpassend gewesen, Hitler allzu viele menschliche Züge zu verleihen, auch, wenn es die in Traudl Junges Erzählungen durchaus gegeben hat.

Weltgeschichte als Kammerspiel

Die Filme über Hitlers Ableben beziehen jedenfalls einen Teil ihres Charismas aus dem Umstand, dass hier dramatische Weltgeschichte in kammerspielartiger Umgebung stattgefunden hat: Der Bunker als letzter Zufluchtsort ist so auch Teil der filmischen Dramaturgie. Kein Film hat das in der Visualisierung besser eingefangen als "Der letzte Akt". Pabst legte den Film als Noir-Stück unter Tage an, in kontrastreichem Schwarzweiß, mit steil gesetztem Licht, langen Schatten, nuanciert geleuchtetem Stahlbeton. Er imitierte damit auch die Optik der Nazi-Propaganda und der Wochenschauen, und Hitlers Reden sind da wie dort rhetorisch perfekte Durchhalte-Parolen, die sein Umfeld wieder auf Kurs brachten. Die Befehlsgewalt Hitlers reichte sogar über seinen Tod hinaus: Seinen Befehl, ihn und Eva Braun verbrennen zu lassen, hätte schließlich niemand mehr ausführen müssen.

Was die Filme über Hitlers Ende aber allesamt zeigen, ist eben diese Unbeirrtheit und Konsequenz, mit der die Nazis sich und Deutschland in den Untergang manövrierten. Hitlers Flucht in den Suizid ist der Höhepunkt dieser Unbeirrtheit: Alles mit sich in den Tod zu reißen und sich jeglicher Verantwortung zu entziehen, auch das ist ein guter Nährboden für die Mythenbildung. Hitlers Gefangennahme durch die Alliierten hätte die Nachkriegsgeschichte vermutlich umgeschrieben. Und die Gedenktafel beim ehemaligen Bunker-Eingang an der Gertrud-Kolmar-Straße in Berlin wäre heute wohl keine Pilgerstätte.