Der Jazz ist ein Lebenselixier, für die Musiker sowieso, für die, die es gern wären, auch. Für die Zuschauer ist Jazz im besten Fall ein Teppich aus improvisiert wirkenden Klangwolken, eine Disziplin, in der man aufgrund seiner offenen Form eigentlich nur dilettieren kann.

Damien Chazelle, musikbegeisterter Jazzfan und gefeierter Regisseur von Filmen wie "Whiplash", "La La Land" und "First Man", hat dazu nun die passende Mini-Serie, bestehend aus acht Episoden, für Netflix gedreht - die ersten beiden Folgen hat er selbst inszeniert.

Die Geschichte dreht sich um einen Jazzklub in Paris, gelegen weit abseits der Touristenmagneten. Das "Eddy" wird mit künstlerischer Hingabe von dem Amerikaner Elliot Udo (André Holland) geleitet, doch der Erfolg will sich nicht so recht einstellen. Elliot hat Schulden, die sein Geschäftspartner Farid (Tahar Rahim) noch dazu bei skrupellosen Kriminellen gemacht hat. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs: Die Probleme werden bereits in der ersten Episode noch dramatischer für "The Eddy" und Elliot. Dazu gehört auch, dass seine Tochter Julie (Amanda Stenberg) von New York nach Paris zieht und eine komplexe Vater-Tochter-Geschichte ihren Anfang nimmt.

Eine Serie wie ein Jazzstück

"The Eddy" ist als Miniserie ähnlich konstruiert wie ein Jazz-stück. Das wird deutlich, wenn Farid seine Teenager-Kids in ihrem Zimmer einschließt, damit sie ernsthaft Jazz üben. "Und was, wenn wir pinkeln müssen?", fragt sein Sohn. "Dann pinkle aus dem Fenster, improvisiere!" Improvisieren, das ist eines der Kernmerkmale des Jazz, und damit ist die Machart der Serie schon gut umrissen. Vieles hier wirkt improvisiert, auch, wenn es das nicht unbedingt ist (genau wie beim Jazz). Und die Musik ist immer im Vordergrund, ganz egal, wie misslich die private Befindlichkeit gerade ist. Der Jazz und all seine Ausformungen, einmal zugänglicher, dann fordernd, scheint beinahe wie ein Heilmittel, zumindest aber ist er Ventil für die Gefühle, die manchmal unterdrückt in der Luft liegen und erst durch die Klänge eruptieren können.

Damien Chazelle wählte hier bewusst auch visuelle Stilmittel, die stark an die (absichtliche) Ungelenkigkeit der Nouvelle Vague erinnern, oder an das Kino von John Cassavetes. Chazelle, der nur die ersten beiden Folgen inszenierte, verwendete dafür 16mm-Film, ein Novum bei Netflix, wo sonst nur mehr digital produziert wird. Aber dieses wunderbar körnige Filmmaterial korrespondiert perfekt mit dem Improvisations-Touch des Jazz. Die Bilder wackeln, sind fahrig und haben Ecken und Kanten, sie lenken den Fokus mal auf Details, mal auf Gesichter, immer der Musik untergeordnet; "The Eddy" entspricht darob auch keinem gängigen Paris-Klischee, zumindest keinem amerikanischen - die Serie gibt sich diesbezüglich entschieden unverkitscht und unbeeindruckt von jeglicher Postkarten-Ästhetik.

Auf allzu viel Stilisierung zum Grunge-Underground verzichtet Chazelle hingegen auch - seine Folgen wirken mit ihren Musikeinlagen eher dokumentarisch, und das gereicht der Dramaturgie deutlich zum Nachteil; so ehrenwert die Idee sein mag, dem Jazz auch filmisch zu entsprechen, so lasch und ohne Spannung zeigt sich zunächst der Fortgang der Handlung. An vielen Stellen ist "The Eddy" mehr ein verrauchter Klub-Abend denn eine stringent zu verfolgende Handlung. Zwar nimmt das Geschehen durch ein Verbrechen bald Fahrt auf, gelangt aber immer wieder an seinen musikalischen Ausgangspunkt zurück.

Das könnte zumindest in ein Fest für Jazz-Liebhaber münden, aber Chazelles Episoden ist seine Lustlosigkeit anzumerken. Vielleicht ist er mit den Gedanken schon bei seinem nächsten Projekt "Babylon" gewesen. Jedenfalls spürt man bei "The Eddy" zwar die Handschrift dieses Filmemachers, nicht aber sein Herzblut.