Bücher über Epochen, über "legendäre" Zeiten, sie bergen immer die Gefahr der Verklärung, und eine Hommage ist darob nicht selten ein gefährliches Unterfangen für die Glaubwürdigkeit eines Autors. Nicht so im Fall des bei Zweitausendeins erschienen, großformatigen (Bild-)Bands "Vor der Klappe ist Chaos" des Basler Fotografen und Filmschaffenden Beat Presser. Der hat seine Karriere entlang des sogenannten neuen deutschen Films entwickelt, als er ab Ende der 1960er Jahre bei Dreharbeiten nicht nur die Setfotografie hinter den Kulissen besorgte, sondern auch die Standfotos aus den Filmen für den Kinoaushang anfertigte. Entstanden sind dabei herausragende Fotografien, die Einblick geben in jenen Kosmos, der das deutsche Filmschaffen nachhaltig verändert hat, so wie die Nouvelle Vage einst das Kino revolutionierte.

"Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen." Das Oberhauser Manifest schrieb 1962 nieder, wie man sich von "Papas Kino" verabschieden wollte; der Nachkriegsmief und die Allseits-Happy-Façon sollte raus aus den Kinosälen, denn diese Art der Vergangenheitsbewältigung (oder eigentlich: -verdrängung) war den Köpfen des neuen deutschen Films zutiefst zuwider. Man wollte anders erzählen, nüchterner, differenzierter, auch: spröder und wahrhaftiger.

Weg vom Schnulzenkartell

"Nach dem Kurzfilm ‚Les mistons‘ von Francois Truffaut, den ich 1959 in Paris sah, war mir sofort klar: Das müssen wir in Deutschland auch so machen", erinnert sich Volker Schlöndorff in dem Band. Das Motto war: weg von den Heimat-Filmen, Melodramen und Krimis des "Schnulzenkartells". "Im Rückblick erscheint dieser neue deutsche Film wie ein grandioser Aufbruch", so Schlöndorff. Ein Aufbruch, der große Namen mit sich brachte, eine Reihe von Künstlern, die als Individualisten auffielen und ein Profil schärften, dennoch aber Teil dieser "Gruppe" waren, von der es keine endgültige Definition geben kann, schon allein wegen der Freiheit der Kunst, die man hier allerorts beschwor.

Alexander Kluge, Edgar Reitz und Reinhard Hauff gehörten zu frühen Vertretern, ebenso Schlöndorff, später Wim Wenders und Rainer Werner Fassbinder. Der große Werner Herzog natürlich auch, vor allem im Gespann mit dem Enfant terrible des deutschen Films, dem rastlosen Klaus Kinski. Diese und weitere Protagonisten dieser Ära erfahren hier Beachtung: 55 von ihnen porträtiert Presser in Bildern, die sie in ihrer (heutigen) Lebensumgebung zeigen. Die Texte stammen von den Porträtierten selbst, darunter Mario Adorf, Michael Ballhaus, Bruno Ganz, Jürgen Jürges, Klaus Lemke, Eva Mattes, Elfie Mikesch, Hanna Schygulla, Rosa von Praunheim, Ulrike Ottinger oder Margarethe von Trotta. Viel Anekdotisches lässt die Epoche Revue passieren, ohne sie zu verklären. Ein kollektives Erinnern daran, das Voraussetzung für jede Verklärung ist, fehlt, denn: Anders als bei der Nouvelle Vage gingen die vorgestellten Filmschaffenden allesamt ihren eigenen Weg. "Jeder hat es anders gemacht", so Schlöndorff. Ein Umstand, der den neuen deutschen Film erst zu dem macht, was er ist: vielgestaltig.