Strahlender Beginn: Der Startschuss für Nina Prolls Karriere war Barbara Alberts "Nordrand", für den sie mit einem Nachwuchspreis ausgezeichnet wurde. - © picturedesk/epa/ Claudio Onorati
Strahlender Beginn: Der Startschuss für Nina Prolls Karriere war Barbara Alberts "Nordrand", für den sie mit einem Nachwuchspreis ausgezeichnet wurde. - © picturedesk/epa/ Claudio Onorati

Es ist viel geschrieben worden über die Arbeitsbedingungen von Frauen in der österreichischen Filmbranche, von der angestrebten Geschlechtergleichheit und einem "Equal Pay", also einer Bezahlung, die für Männer wie Frauen gleich ist. Auch filmpolitisch ist der Diskurs zur Gleichstellung von Frauen zumindest im Gange, nicht zuletzt dank Initiativen wie dem Frauennetzwerk "FC Gloria". Bis in die Filmförderinstitute spielt inzwischen hinein, ob es eine Quotenregelung betreffend der zu fördernden Projekte geben soll.

Am Ziel angekommen sind all diese Debatten noch längst nicht. Da kommt ein Buch, das die österreichischen Filmemacherinnen vor den Vorhang holt, gerade recht: Isabella Reicher hat mit "Eine eigene Geschichte - Frauen, Film, Österreich seit 1999" (Verlag Sonderzahl) ein umfassendes Kompendium zur Filmarbeit von Frauen herausgegeben, in dem in Aufsätzen, Interviews und Essays über den großen Einfluss von Frauen auf den Erfolg des heimischen Films hingewiesen wird.

Weiblicher Aufstieg

Ja, man könnte geradezu sagen: Der Aufstieg des österreichischen Films seit Ende der 1990er Jahre ist - weiblich. Schließlich hat die Erfolgsgeschichte im österreichischen Film 1999 mit einem Paukenschlag begonnen - und der war in zweifacher Hinsicht weiblich: Barbara Albert inszenierte mit "Nordrand" eine einfühlsame Geschichte von zwei Wiener Frauen, die zwischen Träumen und sozialen Brennpunkten oszillierten.

Der Film feierte am 2. September 1999 seine Weltpremiere im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig - für die damals 28-jährige Albert ein Riesenerfolg. Am Ende gab es für Hauptdarstellerin Nina Proll dort den Coppa Marcello Mastroianni, das ist der Preis für die beste Newcomerin, der Grundstein ihrer Karriere.

"Eine eigene Geschichte" nimmt diese Initialzündung für das österreichische Filmschaffen als Ausgangspunkt, um aus einer heutigen Perspektive auf die vergangenen 20 Jahre Rückschau zu halten. Neben Texten von Journalisten schlüsseln auch Beiträge von namhaften heimischen Filmpublizisten, darunter Drehli Robnik, Bert Rebhandl, Alejandro Bachmann oder Birgit Flos inhaltliche und ästhetische Aspekte auf.

Die frühen 2000er Jahre wiesen eine zunächst vielversprechende Zunahme von Frauen auf dem Regiesessel vor. Ganz bewusst fokussiert das Buch auf diese Profession, weil Filmregie trotz aller Fortschritte noch immer eine Männerdomäne ist. Daran konnten die vielen Arbeiten junger Frauen nachhaltig nichts ändern. Doch Filme wie "Lovely Rita" (2001) von Jessica Hausner, "Ternitz, Tennessee" (2000) von Mirjam Unger, "Struggle" (2003) von Ruth Mader, "Mein Stern" (2001) von Valeska Grisebach, "Vollgas" (2002) von Sabine Derflinger, "Mein Russland" (2002) von Barbara Gräftner oder "Auswege" (2003) von Nina Kusturica überzeugten nicht nur durch erzählerische Qualität, sondern wirken im Rückspiegel auch wie "aus einem Guss" - nicht künstlerisch, sondern vom Anspruch her, endlich auch den Frauen den entsprechenden Zugang zum Regiefach freizumachen.

Diesen jedoch nachhaltig zu verankern, ist nicht geglückt, trotz einer wirklichen Öffnung des Filmfestivals Diagonale unter Constantin Wulff und Christine Dollhofer in den frühen 2000ern, was Diskurs und Debatte über Filmpolitik und Gender-Parität angeht.

Lorbeeren für die Männer

Die Lorbeeren heimsten am Ende doch die Männer ein, vorwiegend solche, die lange Wege zurückgelegt hatten: Haneke, Seidl, auch Götz Spielmann. Starke Frauen machen heute noch immer starkes Kino: Sabine Derflinger widmet sich etwa nach ihrer Doku über "Die Dohnal" demnächst einer (un)umstrittenen Frauenikone: Alice Schwarzer. Marie Kreutzer arbeitet an ihrem "Sisi"-Film "Corsage". Ruth Mader geht in "Serviam" ins katholische Mädcheninternat. Claudia Müller lässt Elfriede Jelinek über sich selbst sprechen. Ein Buch wie "Eine eigene Geschichte" gerade zum jetzigen Zeitpunkt ist wie ein Wegweiser: Es zeigt, wie ungebrochen wuchtig das Potenzial der österreichischen Filmemacherinnen allen Widerständen trotzt.