Der Name Trump fällt in diesem Film nur einmal. Nämlich, als Michelle Obama beschreibt, welche Gefühle sie an dem Tag hatte, als sie das Weiße Haus Anfang 2017 verlassen musste. Die Kinder, erzählt sie, wollten noch einmal das Frühstück genießen, denn: "Im Weißen Haus kannst du dir alles bestellen", lässt Michelle tief blicken. Sie musste ihre Kids von allzu viel "Loitering" abhalten. Das tut man mit dem Satz: "Ok, let’s go, the Trumps are coming".

Die Netflix-Doku "Becoming" feiert seine Protagonistin nach allen Regeln der zeitgemäßen Dokumentarfilmkunst ab: Perfekte Bilder der perfekten Lady, der 44. First Lady, aber der First Black Lady im Weißen Haus. Barack spielt nur eine Nebenrolle, die Bühne gehört ganz ihr. Sie darf glänzen, ausschließlich. Und sie darf ihre (jungen, weiblichen, farbigen) Anhänger zu Tränen rühren, wenn sie Autogramme gibt und dabei jedem so tief in die Augen schaut, als würde sie in den zehn Sekunden den ganzen Menschen verstehen, der ihr gegenüber tritt.

Herzensbrecherin

Sie sagt Dinge, die die Menschen zum Weinen bringen. Das können nicht viele, jemanden zu Tränen rühren. Michelle Obama kann das. Sie ist eine Politikerin, die ihr Handwerk beherrscht. Das Handwerk, Herzen zu erobern.

Das geht besonders gut im US-amerikanischen Show-Zirkus, den man dort gewohnt ist, zumindest bis vor Corona: Vollgepackte Hallen mit zehntausenden Fans, die zu ihrer Lesereise kommen, weil sie mit "Becoming" ein Buch über ihren Werdegang und ihre Zeit im Weißen Haus herausgebracht hat. Das war 2017, und Netflix hat Michelle während dieser Lesereise begleitet, mit der Kamera, die ein makelloses Showspektakel ablichtet. Es ist wie Wahlkampf, nur füreine spätere Zeit: Michelle Obama könnte mit diesem Film auch für den Workshop eines Motivationstrainers antreten, oder gleich ums Weiße Haus: Welcher Präsident, bitte schön, hat sich so mitfühlend angehört, wie jemand vor ihm in Tränen ausbricht? Welcher Präsident hat darauf hin so ehrliche, aufmunternde Worte gefunden? 2020 wird das nichts mit der Kandidatur, aber wer weiß, folgt 2024 auf Trump Obama, wie 2016 auf Obama Trump folgte?

Jedenfalls bringt sich Michelle mit diesem Film vortrefflich in Stellung; kein Wunder, dass die Grautöne fehlen, denn der Film entstammt der Produktionsfirma Higher Ground Productions, und die gehört den Obamas. Aber den Rauch, den sie den Zuschauern mit ihren Geschichten und dieser gottverdammten Nahbarkeit in die Augen bläst, der sucht schon seinesgleichen. Wann hat Amerika jemals einer charismatischeren Persönlichkeit gehuldigt als dieser Michelle Obama, an der alles perfekt ist und die sogar ihre Töchter dazu brachte, im Weißen Haus ihre Betten selbst zu machen? Es ist ein amerikanischer Traum.

Michelle Obama als Idol zu inszenieren, das besorgte die Regisseurin Nadia Hallgren. Ihr Einblick in das Leben von Michelle ist nur scheinbar intim: Natürlich sind in dieser All American Family immer alle nur nett zueinander, liegen sich in den Armen und haben Verständnis. Hinter den Kulissen herrscht ein seltsam einhelliger Friede, den auch nichts zu erschüttern scheint. Vielleicht hilft dabei der Glaube an Gott, der bei den Obamas einen wichtigen Stellenwert hat. Auch vor den Auftritten in den 34 Stationen ihrer Lesereise tut der Film so, als wäre er in der Garderobe bei ganz intimen Momenten dabei; jedoch liefert Michelle auch hier das, was sie immer liefert: Eine perfekte Show. Brüche finden sich in ihrer Persönlichkeit kaum, möglicherweise ist es aber genau das, was es braucht, um US-Präsident zu werden. Doch diese Brüche zeigt "Becoming" ganz bewusst nicht - der Film ist gut gemachte Propaganda, er ist in der Lage, Menschen zu berühren. Netflix steigt mit "Becoming" jedenfalls in den US-Wahlkampf ein, denn die Doku kommt just vor der heißen Phase des Wahlkampfs auf die Streaming-Plattform. Wie Michelle Obama darin den Amerikanern zuhört, ist von phänomenaler Hingabe, sie wirkt beinahe royal in ihren immer adrett sitzenden Kostümen, Blazern und Hosen.

Von Nichts kommt Nichts

Die äußere Erscheinung spielt eine wesentliche Rolle in Michelles Karriere, sei es nun beim Kaffeekränzchen mit Senioren oder in einem Stadion mit zigtausend Anhängern. Alles sitzt. Vor diesem Hintergrund erzählt "Becoming" auch Obamas Werdegang: Michelle LaVaughn Robinson, das schwarze Mädchen aus sehr bescheidenen Verhältnissen in Chicago, Nachkomme von Sklaven, hat es trotz aller Widrigkeiten bis nach Princeton und Harvard geschafft. Sie ist an der Seite ihres Mannes stets gewachsen, anstatt von ihm klein gehalten zu werden. Die Message lautet: Das kannst du auch.

Und doch muss da irgendwo ein Unterschied sein zum normalen Bürger, ja, sogar zu den eigenen Töchtern, die sich ganz verwundert fragen, wieso sie denn nun selbst ihre Betten im Weißen Haus machen müssten. "Ich will nicht, dass ihr so verwöhnt werdet, denn wir werden nicht ewig im Weißen Haus leben", hat Michelle Obama zu ihnen gesagt. "Aber Mami, dein Bett wird doch auch gemacht", war die Antwort. "Ja", sagt Michelle, "aber ich bin die, die den Harvard-Abschluss schon in der Tasche hat". Von Nichts kommt eben Nichts.