"Was Corona nicht geschafft hat, schafft nun die Kulturpolitik: Sie bringt uns um." So energisch formuliert es Alexander Syllaba, der Geschäftsführer der Programmkinos Cinema Paradiso in St. Pölten und Baden. Seine Aussage spitzt zu, woran die österreichische Film- und Kinobranche derzeit laboriert: Nicht nur, dass seit Beginn der Corona-Krise sämtliche Kinos geschlossen sind und Dreharbeiten unterbrochen werden mussten, nicht nur, dass die Produzenten, Verleiher und Kinobetreiber gänzlich ohne Umsatz sind, kommt (nicht erst) seit der verunglückten ersten Kultur-Pressekonferenz von Ulrike Lunacek zum Vorschein, dass Lunacek und die Filmbranche so gar nicht miteinander können. Quer durch die Branche attestiert man Lunaceks Krisenmanagement eine "extreme Ausbaufähigkeit", wie es ein Insider formuliert.

Dass die Staatssekretärin die Proteste gehört haben und mit Lösungen noch Ende dieser Woche aufwarten will, glaubt beim Film keiner. Im Gegenteil: Produzenten, Kreative, Kinobetreiber, sie alle bereiten einen branchenweiten Schulterschluss vor, um gegen die Kultur- und Filmpolitik Lunaceks und ihres Ministers Werner Kogler aufzustehen. Man will sich großes mediales Gehör verschaffen. "Ulrike Lunacek ist nicht das Regierungsmitglied mit der meisten Fachkenntnis", formuliert es Helmut Grasser, Filmproduzent der Allegro Film in Wien. "Und das ist natürlich ein Problem." Der Dreh von Grassers Komödie "Love Machine 2" mit Thomas Stipsits musste verschoben werden, "gerade auch deshalb, weil Stipsits darin seinen vielen Frauen gefährlich nahe kommt", erläutert Grasser. "Die Situation ist die: In Summe gibt es in Österreich derzeit Filmprojekte, die mit 100 Millionen Euro finanziert sind, und keiner kann drehen. 8000 Leute leben davon, und wir hätten das Geld, können aber niemand anstellen."

Die Lösung für das Dilemma soll einerseits ein Drei-Zonen-Modell sein, das bei Filmdreharbeiten zum Einsatz kommen könnte: Schauspieler und Kameramänner sowie Regisseure, also der engste Kreis des Teams, wären in Zone eins und müssten sich beständig testen lassen. Crewmitglieder, die nicht unmittelbar beim Dreh dabei sind, belegen die Zonen zwei und drei. "Ein diesbezüglicher Vorschlag liegt zur Begutachtung beim Gesundheitsminister", sagt Grasser.

Drehstopp ruiniert Firmen

Viel wichtiger als Maßnahme für die Filmbranche wäre jedoch eine Ausfallshaftung für Produktionen, in denen ein Covid-19-Fall auftritt, denn: "Keine Versicherung versichert dich gegen Corona", sagt Grasser. "Deshalb sollte es für einen solchen speziellen Fall eine Ausfallshaftung des Bundes geben, die ohnehin nur im Worst Case schlagend werden würde." Kosten für Drehabbruch, Quarantäne und Verschiebungen sollten so abgefangen werden. "Ansonsten würde ein solcher Drehstopp nicht nur die Produktion, sondern die ganze Firma in den Abgrund reißen", meint Grasser.

Rudolf Anschober ließ indes am Dienstag wissen: "Es wird gar nicht so einfach sein, Lösungen zu finden, etwa für Filmschaffende bei großen Filmproduktionen." Sein Ziel sei aber, dass über den Sommer kleine und mittlere Veranstaltungen möglich werden, die im Sitzen stattfinden und wo man einen Abstand schaffen kann. "Ich hoffe, dass dann die Kulturschaffenden wieder zufrieden sind." Was die Kinos betrifft, dürfte Anschober damit allerdings niemand zufriedenstellen.

Drama nach der Krise

Denn während für die Filmproduktionen wenigstens Vorschläge am Tisch liegen, ist es mit den Kinobetreibern schwieriger. "Wenn jetzt nicht bald etwas passiert, sperren wir alle zu", umreißt Alexander Syllaba die dramatische Lage. Sein Kollege Michael Stejskal, der Betreiber des Wiener Votivkinos ist und zugleich den Filmladen-Filmverleih leitet, sieht es ähnlich: "Ein politisches Eingreifen ist unabdingbar. Denn noch viel dramatischer als die Krise wird die Zeit nach der Krise: Dann haben wir wieder die vollen Belastungen im Bereich Mieten und Gehälter, aber nur einen Teil der Einnahmen. Durch die Abstandsregeln und Platzbeschränkungen, aber auch dadurch, dass viele Menschen sich vielleicht gar nicht trauen, ins Kino zu gehen." Unsicherheitsfaktoren, die die gesamte Veranstaltungsbranche betreffen. Stejskal: "Diese Branche ist eben kein Computer, den man einfach so wieder hochfahren kann."

Die Hauptkritikpunkte der Filmszene sind gar nicht so sehr fehlende oder unzureichende Konzepte, sondern die Umsetzung von in Aussicht gestellten Hilfen in Zeitlupentempo. "Maßnahmen, die richtig angedacht waren, erweisen sich nun als bürokratisch sehr aufwendig", sagt Stejskal. Vorbild solle die Schweiz sein, denn dort sind bereits 280 Millionen Franken an Hilfen an die Kulturbranche geflossen. In Österreich hat man der Gastronomie ein 400-Millionen-Euro-Hilfspaket geschnürt. "So was wird die Veranstaltungsbranche auch brauchen, sonst wird das nicht zu machen sein", meint Stejskal.

Christian Dörfler, Betreiber des Wiener Haydn-Kino, sieht zudem weitere Schwierigkeiten am Horizont: "Sollten die Kinos hierzulande im Laufe des Sommers wieder öffnen können, wovon ich ausgehe, so bleibt die Frage nach den Filmen, die wir zeigen können. Alles hängt weltweit zusammen. Disney wird seinen Film ‚Mulan‘ nicht starten, nur weil in Österreich die Kinos wieder offen sind. Da muss zuerst der US-Markt wieder anlaufen, und Deutschland sowieso", erklärt Dörfler, der sich für rasches Handeln starkmacht. "Was unsere Branche jetzt braucht, ist die sehr, sehr schnelle Auszahlung der Hilfsgelder aus dem Krisenfonds." Sonst könnte eintreten, wovor Alexander Syllaba gewarnt hat: dass viele diese Krise nicht überleben werden.