Sylvester treibt reglos im Swimmingpool des in die Jahre gekommenen Ibiza-DJs Marcus (Daniel Mays). Sylvester ist ein Hund und hat gekokst und ist dann high ins Wasser gegangen. Wie es wohl dazu kam?

Nun, es begab sich, dass der örtliche Drogenlieferant seine sieben Kilo Koks in einer dieser Schwimmbananen versteckt hat und diese an den DJ liefert. Der darf die Drogen derzeit aber nicht verkaufen, weil der hiesige Klub-Großbesitzer auf weiße Weste macht, statt auf weiße Nase. Schließlich geht es um die Vergrößerung seines Imperiums um ein Casino, und da muss zunächst alles sauber aussehen. Was DJ Marcus in Bedrängnis bringt, denn er muss die Ware in seiner Garage zwischenlagern. Auf dem Weg dorthin reißt ein Päckchen Koks auf und hinterlässt eine dicke Linie auf seinem Rasen. "Die Kinder wollten immer schon mal ein Fußballfeld", sagt sich Marcus. Da klingeln auch schon seine Drogenlieferanten an der Tür. Marcus, entspannt von einem Tässchen Pilztee, darf sich ob seiner Zahlungsunfähigkeit aussuchen, ob Bein oder Auge, nun ja - weg muss. Inzwischen delektieren sich Marcus’ Wauzis an den "Torwartlinien" im Rasen. Das Resultat steht am Anfang dieses Artikels.

Was wie eine turbulente Slapstick-Komödie klingt, ist alles andere als das (aber schon auch sehr komisch): "White Lines", erdacht von "Haus des Geldes"-Macher Álex Pina, ist nämlich eigentlich hochdramatisch. Es geht um Axel (Tom Rhys Harries) aus Manchester, der auf Ibiza Ende der 1990er Jahre eine Karriere als DJ begann - bald aber von der Bildfläche verschwand. Als man ihn 20 Jahre später in der Wüste von Almeria am spanischen Festland mumifiziert aus dem Sand buddelt, wird klar, dass er seinerzeit nicht zu einem Selbstfindungstrip nach Indien aufbrach, wie seine Freunde damals vermuteten. Jetzt tritt Axels Schwester Zoe (Laura Haddock) auf den Plan, die es sich zum Ziel gesetzt hat, nach Ibiza zu reisen und den Mord an ihrem Bruder aufzuklären. Die Serie um die Partyinsel im Dauerkoksmodus nimmt rasant Fahrt auf.

"White Lines" macht Ibiza zum Ort düsterer Abgründe und legt peu à peu ein Netzwerk an Machenschaften frei, bei der jeder Protagonist seine ganz eigenen Süppchen kocht oder Pinkerl zu tragen hat. Für Zoe steht der eigene, geliebte Bruder im Mittelpunkt, weshalb auch sie schnell mit dem ganzen Kokain konfrontiert wird, das in Marcus’ Garage lagert. Das Koks wird bald in ein Auto verladen und unterwegs bei einer wilden Verfolgungsjagd im Wald entsorgt. Da staubt’s!

Eine Räubergeschichte, möchte man meinen, die wild die Genres mixt, vom Thriller über die Komödie bis zum großen Drama. Interessant sind dabei die scharf gezeichneten Figuren: "White Lines" blickt fast mitleidig-liebevoll auf die gealterten Techno-DJs der 90er, die mit Mitte 40 und nach 20 Drogenjahren so abgewrackt aussehen, dass uns einfällt, wovor Mami und Papi beim Fortgehen immer gewarnt haben. Zugleich entwickelt die Serie auch eine Familiensaga um einen Clan, in dem viele Leichen begraben scheinen, bis hin zum Inzest. Serien-Guru Álex Pina hat sich das alles sehr fein ausgedacht, wiewohl so manche Subgeschichte eigentlich fast haarsträubend ist. Aber eben nur fast. Immerhin: Auf Ibiza scheint alles möglich; wer diese zehnteilige Serie gesehen hat, der kann durchaus nachvollziehen, wie HC einst da stand und glaubte, eine russische Oligarchin hätte wirklich Geld zu verschenken.

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https://youtu.be/Uj7uyeaJjFQ