Clint Eastwood hasst Geburtstage. Und die dazu gehörigen Feiern ebenso. Deshalb, sagt sein Sohn Scott, werden sich die Feierlichkeiten zu Clints 90. Geburtstag am 31. Mai nur auf "ein schönes Mittagessen" beschränken. "Sehr, sehr ruhig, sehr locker."

Eastwood will lieber nach vorne schauen und an die Arbeit denken. Denn dieser Gigant des amerikanischen Kinos und des Amerikanischen an sich ist von seinem künstlerischen und schöpferischen Anspruch noch weit entfernt von einem Nachruf, so aktiv ist Eastwood bis heute geblieben. Erst im Vorjahr legte er seine jüngste Regiearbeit "Der Fall Richard Jewell" vor, sie ist bereits seine 41. Es geht darin um einen Security-Mann, der fälschlicherweise für einen Terroristen gehalten wird. Eastwoods Themenwahl war immer sehr heutig, wenn er Regie geführt hat.

Das trifft auf seine Schauspieler-Karriere nicht immer zu. Immerhin ist er in diesem Metier seit sechseinhalb Jahrzehnten tätig, und da waren seine Figuren oftmals aus der Zeit gefallen. Sei es nun, weil sie auf einem Pferd durch die Prärie ritten oder mit knallharter Faust auf den Straßen von San Francisco ermittelten. Sie entführten das Publikum in andere Welten, anstatt es zu erden, wie in seinem Regie-Oeuvre.

Eastwood hat zwei Karrieren beim Film gemacht, die erste in 71 Spielfilmen, mit dem Auftritt in der Western-Serie "Rawhide" ganz zu Beginn seiner Karriere: 217 Episoden lang trug er den Cowboyhut seiner Figur Rowdy Yates, sogar dann noch, als er 1964 Sergio Leones Italo-Westernklassiker "Für eine Handvoll Dollar" drehte. Anfangs glaubte niemand an den Erfolg von Leone, aber die Kritiker wurden schnell eines Besseren belehrt.

Eastwoods drei Karrieren

Eastwoods zweite Karriere begründete seinen Ruhm als Künstler, denn viele seiner Regiearbeiten, die er ab 1971 drehte, erreichten auch den Beifall der Kritiker.

Eastwood hat aber auch noch eine dritte Karriere gemacht, als Politiker. Diese führte ihn zwar nur für zwei Jahre ins Bürgermeisteramt der kalifornischen Kleinstadt Carmel (1986-88), jedoch nutzte Eastwood seine Prominenz oftmals dafür, für die republikanische Partei und ihre Präsidentschaftskandidaten Reklame zu machen. Nixon, McCain und Romney, sie alle hat Eastwood unterstützt, und 2016 machte er sich auch für die Wahl von Donald Trump stark, von dem er sich aber inzwischen öffentlich abgewandt und seine Politik als widerwärtig und zankhaft bezeichnet hat. Gerade für diese, seine dritte Karriere stand Eastwood auch in der Kritik: 2012 sprach er beim republikanischen Parteitag zum imaginären, auf einem leeren Stuhl sitzenden Barack Obama und warf ihm vor, versagt zu haben - viele Medien fanden den Auftritt bizarr. Aber Eastwood hat sich nie den Mund verbieten lassen und findet sich selbst gar nicht so konservativ: "Ich glaube, ich war schon gesellschaftspolitisch links und wirtschaftspolitisch rechts, bevor das in Mode kam", sagt er. Es ist ein Hybrid aus Ansichten, die sich in Eastwood mischen: Er wählt stets republikanisch, ist aber auch für das Recht auf Abtreibung und für die Homo-Ehe. Eastwood mag kommunizieren, was er gut findet und was nicht: "Schon als Kind habe ich mich über Leute geärgert, die allen vorschreiben wollten, wie sie zu leben hätten", sagt er.

Bricht mit Image

Es gibt einen Film, in dem lebt Eastwood seine Abneigung gegen Bevormundung besonders aus, zugleich kann man darin wohl auch etliche Facetten seiner Persönlichkeit erkennen, im selben Atemzug aber bricht er auch mit seinem Image. "Gran Torino" (2008), Eastwoods finanziell erfolgreichster Film, zeigt ihn als alten, grantelnden und rassistischen Veteran aus dem Korea-Krieg, der in seiner US-Heimat den Vorgarten und seinen garagengepflegten, rostfreien Ford Gran Torino notfalls auch mit Waffengewalt verteidigt und dessen mürrisches Knurren wie eine Persiflage auf seine Western-Rollen oder seine Zeit als "Dirty Harry" wirkt.

Der Film aber nimmt seine Thematik ernst, es geht um ein rassistisches Amerika, in dessen zerschmetternden Werten Eastwoods Figur seinen Lebenstraum untergehen sieht. Der Film sagt viel über Amerika, aber auch über Eastwood. Er hatte sich damit endgültig von seiner Spielart aus den "Dirty Harry"-Filmen verabschiedet, so wie er es 1992 in seinem Western-Abgesang "Erbarmungslos" getan hatte. Dort sagte er seinen zu Ikonen gewordenen Western-Helden adieu, und "Erbarmungslos" brachte Eastwood seine ersten beiden Oscars - allerdings nicht als Schauspieler, sondern für den besten Film und die beste Regie. Das Kunststück wiederholte er 2004 mit "Million Dollar Baby", in dem sich Hilary Swank mit Eastwoods Trainer-Hilfe nach oben boxte.

Eastwood hatte stets ein sicheres Händchen für Triumphe. Dass dies gelang, ist auch einer gewissen Entspanntheit geschuldet, die Eastwood in seinen Arbeiten spürbar macht; es sind routiniert umgesetzte Stoffe, und ihre Einzigartigkeit liegt meist in der Psychologie ihrer Figuren begründet: In "Changeling" zum Beispiel ist es eine verzweifelte junge Mutter (Angelina Jolie), die felsenfest überzeugt ist, dass der Bub, den die Polizei nach einer Vermisstmeldung aufspürt, nicht ihr Sohn ist, auch wenn das alle behaupten. In "Mystic River" (2003) konfrontiert ein Mord an einer 19-Jährigen drei alte Freunde mit einer schweren Vergangenheit. In "American Sniper" (2014) schildert Eastwood die seelischen Wunden eines Navy-Soldaten, der den Krieg nicht hinter sich lassen kann. In "Flags of Our Fathers" und "Letters from Iwo Jima" unternahm er den famos geglückten Versuch, die Weltkriegsschlacht um Iwo Jima einmal aus amerikanischer und einmal aus japanischer Perspektive zu erzählen und damit eine psychologische Balance herzustellen.

Dem entgegen stehen seine Filme, die ihn weltberühmt machten: "Für eine Handvoll Dollar" (1964) katapultierte ihn beinahe schon im Post-Western-Zeitalter zum Weltstar, es folgten Kassenschlager wie "Hängt ihn höher" (1968), "Zwei glorreiche Halunken" (1966) oder "Stroßtrupp Gold" (1970). Ab 1971 lieh er dem San-Francisco-Cop "Dirty Harry" sein Gesicht.

Unterm Strich eint viele Filme von und mit Clint Eastwood ein Rache-Aspekt. Oftmals ist Eastwood als Rächer kühl, aber nicht cool, für seine Mission unterwegs; in den Western sowieso, da erhebt er sich selbst auch gleich zum Gesetz. Aber auch die späteren Regiearbeiten streifen das Thema, besonders "Mystic River". Hinzu gesellt sich Brutalität, die Eastwood aber nie mit filmischer Leichtigkeit oder gar als Spaß inszeniert, wie etwa Tarantino, sondern die er ernst nimmt und sie daher auch zentnerschwer entfaltet.

Verfechter des Erzählkinos

Überhaupt ist Eastwood ein Verfechter des Erzählkinos, der sich selten Scherze erlaubt; alle seine Regiearbeiten sind naturalistisch und schnörkellos. Sie beziehen sich nicht auf Strömungen des Kunstkinos, sie finden ohne all das statt, was das Feuilleton gemeinhin "hinaufschreibt". Eastwoods Filme sind von einer zeitlosen Schlichtheit, er dreht sie zumeist an Originalschauplätzen, scheut die Künstlichkeit der Studios. Seiner Kunst eine Stimme gab er in "Die Brücken am Fluß" (1995), eine aufwühlende Geschichte mit ihm und Meryl Streep, und einem Ehebruch dazwischen.

Dort zeigt Eastwood, der einen Fotografen spielt, sein künstlerisches Credo: Alles soll möglichst sachlich sein, auf seinen Fotografien, keine modischen Unschärfen, sondern Natürlichkeit durch und durch. Das subsumiert Eastwoods Regie-Werk: Es stammt von einem, der sich niemandem verschrieben hat, sondern seine eigene Sicht durchsetzt; das tat und tut er auch im politischen Diskurs, und das kann, muss man aber nicht mögen. Sicher ist: Eastwood wird, so ihm die Gesundheit erhalten bleibt, nicht aufhören, seine Sicht zu sagen, zeigen, filmen: "Ich bin glücklicher als je zuvor in dem, was ich tue", gab er kürzlich zu Protokoll. "Andere in meinem Alter mögen vielleicht über ihren Ruhestand nachdenken, doch mir würde wahrscheinlich dann das Gehirn einrosten." Rosten? Eine Vorstellung, die vielleicht zu einem alten Gran Torino passen würde, nicht aber zu diesem rastlosen Urgestein.