Am liebsten wäre die zielstrebige 54-Jährige Formel-1-Pilotin geworden. Doch die couragierte Tochter des kürzlich verstorbenen, legendären Filmmoguls und Holocaust-Überlebenden Artur Brauner, der mit bunten Schlagerfilmen die Lebenslust zurückholte und zugleich mit Filmdramen wie "Die weiße Rose" gegen die Verdrängung des Faschismus arbeitete, trat dann doch in seine Fußstapfen. Mit Mut zum Risiko führt Alice Brauner die Filmschmiede CCC Filmkunst glanzvoll weiter.

Die promovierte Historikerin produziert anspruchsvolle Kino- und Fernsehfilme und bewahrt Artur Brauners filmisches Erbe für die Nachwelt. Filmstars wie Kirk Douglas gingen zuhause ein und aus. Die gebürtige Berlinerin traf Romy Schneider noch persönlich. Das Wichtigste ist der Mutter von zwei erwachsenen Zwillingssöhnen jedoch das Thema Verständigung unter allen Gruppierungen und Religionen. Darum geht es auch in dem von ihr produziertem anrührenden Drama "Crescendo #makemusicnotwar" mit Hauptdarsteller Peter Simonischek, in dem junge Musiker aus Israel und Palästina gemeinsam spielen. Der preisgekrönte Film kommt spätestens im Herbst in die österreichischen Kinos. Die "Wiener Zeitung" sprach mit der sympathischen Powerfrau in ihren Berliner CCC Studios über Zoom.

Alice Brauner zeigt im Film "Crescendo", wie Musik hilft, extreme Gegensätze zu überwinden. - © CCC Filmkunst/ Daniela Incoronato
Alice Brauner zeigt im Film "Crescendo", wie Musik hilft, extreme Gegensätze zu überwinden. - © CCC Filmkunst/ Daniela Incoronato

"Wiener Zeitung": In Ihrem einfühlsamen Musikfilm "Crescendo #makemusicnotwar" brechen die Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern offen aus. Wie war das bei den Dreharbeiten?

Alice Brauner: Wir haben 250 Jugendliche aus Israel und den besetzten Gebieten gecastet. Alles, was wir erzählen, hat sich so ähnlich auch am Set abgespielt. Das war krass. Es war beängstigend, wie viel Hass zunächst da war, als sie sich in einem Raum zu einer Leseprobe begegneten. Anfangs haben sie kein Wort miteinander geredet. Auch sonst sprachen die Israelis nur miteinander und nur hebräisch, die Palästinenser arabisch. Die Atmosphäre war angespannt. Beim Essen nach dem ersten Drehtag haben sie dann schon untereinander Essen getauscht. Und danach waren sie Freunde. Als sie sich am Ende des Drehs voneinander trennen mussten, haben alle geweint. Hauptdarsteller Peter Simonischek sagte, das waren seine schönsten Dreharbeiten.

Der seit "Toni Erdmann" weltbekannte Schauspieler ist in der Rolle des Dirigenten als charismatische Respektsperson sehr überzeugend.

Ich muss zugeben, dass ich erst gar nicht an ihn gedacht habe. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er nach "Toni Erdmann" dafür in Frage kommt. Mein Regisseur Dror Zahavi schlug ihn vor. Doch Peter Simonischek ist nicht nur ein begnadeter Schauspieler, sondern auch ein ganz wundervoller Mensch. Er geht so in die Tiefe. Ich würde immer wieder mit ihm arbeiten. Es hätte keiner besser für die Rolle gepasst. Ich bin total fasziniert von ihm. Er ist ein ganz Großer. Wir sind inzwischen auch befreundet.

Wann haben Sie entschieden, ins Filmgeschäft Ihres Vaters voll einzusteigen und Ihre bisherige Karriere als Journalistin ad acta zu legen?

Sehr spät eigentlich. Ich habe immer gesagt, ich will nicht mit meinem Vater zusammenarbeiten. Aber als wir gerade das von Joseph Vilsmaier inszenierte Deportations-Drama "Der letzte Zug" drehten, meinte er zu mir:"Du kannst nicht alles das untergehen lassen, was ich aufgebaut habe." Das war der Schlüsselsatz. Da habe ich gesagt: "Einverstanden." Und habe erst mal richtig gemerkt, wie total brutal besessen ich selbst von Film bin, fast krankhaft. Wenn Sie nicht krankhaft besessen sind, können Sie es nicht machen.

Warum haben Sie anfangs gezögert?

Mein Vater war genial, selbst wenn wir hin und wieder unsere Auseinandersetzungen hatten. Er war im positiven Sinne ein Patriarch, für den es immer nur zwei Meinungen gab, die seine und die falsche. Knapp ein Jahr nach seinem Tod stehe ich aber fassungslos davor, was dieser Mann in einem Leben alles geschaffen hat. Neben seiner Arbeit eine sensationelle Ehe geführt, eine große Familie gegründet und gleichzeitig seine Verwandten in Israel unterstützt. Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, mich an ihm zu messen, sondern dieses Erbe in seinem Sinne weiterzuführen.

Stimmt es, dass Sie Ihren Sohn Ben nach dem Klassiker "Ben Hur" nannten?

Ja, und seinen Zwillingsbruder nach König David. Für mich sind sie zwei ganz wichtige Symbolfiguren des Judentums. Sie haben mich immer sehr beeindruckt. Ben ist tatsächlich so ein "Ben Hur"-Typ. Wenn er einen Raum betritt, nimmt er sofort alle für sich ein. David hat sich, wie das bei eineiigen Zwillingen oft vorkommt, den introvertierten Part ausgesucht.

Ihr Vater produzierte Romy Schneiders letzten Film "Die Spaziergängerin von San Sancoussi". Welche Erinnerung haben Sie an die Ausnahmeschauspielerin?

Meine Eltern waren sehr mit ihr verbunden. Sie war oft bei uns zuhause. Als sie noch mit Harry Meyen zusammen war, waren wir mit ihrem Sohn David im jüdischen Kindergarten. Als 1982 "Die Spaziergängerin von San Sancoussi" gedreht wurde, ging es ihr schon sehr schlecht, nachdem ihr Sohn David so tragisch verunglückte. Sie musste im Film mit einem Jungen im Alter ihres Sohnes spielen. Das hat sie sehr mitgenommen. Ich war noch zu jung, um das ganze Ausmaß zu erfassen. Aber man hat es ihr angemerkt. Meine Mutter meinte, Romy habe im Leben immer die falschen Männer erwischt. Auch Harry Meyen war kein Glücksgriff. Ich habe das Studio, in dem sie diesen letzten Film drehte, nach ihr benannt.

Während in vielen Branchen der Betrieb wieder hochgefahren wird, liegt die Filmwelt hingegen weiterhin fast lahm. Wie gehen Sie mit der Situation um?

Ich habe glücklicherweise meine eigenen Filme gerade abgeschlossen. "Matze Kebap und Sauerkraut", eine total schräge Komödie fürs ZDF, ist abgenommen. Und mein anderer über Wernher von Braun ist auf das nächste Jahr verschoben. Doch in meinen Studios musste die UFA den Dreh ihrer Miniserie "Kudamm 63" unterbrechen. Das heißt für mich, die Studios sind zwar belegt, finanziell aber ist es ein Desaster. Denn sie können nicht die volle Miete bezahlen, woher auch? Das ZDF hat zwar gesagt, dass sie fünfzig Prozent übernehmen, aber wo kommen die anderen fünfzig her. Und das Schlimmste ist, dass wir Produzenten für einen Corona-Ausfall nicht versichert werden. Das trägt keine Versicherung. Wie soll das in Zukunft weitergehen? Man muss ja jetzt immer damit rechnen, dass jemand Corona bekommt. Lassen Sie nur einen Einzigen in einem Filmteam von 100 Leuten Corona haben. Dann ist der ganze Dreh vorbei, weil alle infiziert sein können. Oder wir müssen wirklich so weit kommen, dass wir alle am Set testen. Aber wer bezahlt die Tests? Insofern ist der Hilfeschrei aus der Branche ein sehr großer.